(Die Handlung, so, wie sie in keinem Opernführer zu finden ist!)
Situation:
Wir sind in Nürnberg zur Zeit der Renaissance (ca. 15./16. Jahrhundert). Die Bürger der Freien Reichsstadt sind vor allen Dingen stolz darauf, daß sie keine Feudalherren haben, keine Adligen unter ihnen sind. Die angesehenste und reichste "Kaste" sind die Handwerksmeister, und unter ihnen noch einmal diejenigen, die künstlerisch begabt sind und es nach langer sängerischer Ausbildung in die Zunft der Meistersinger geschafft haben. Dort aufgenommen zu werden, ist extrem schwer, und die Zunft ist sehr, sehr stark von Traditionen und alten Regeln geprägt, weil sich die Meister als Hüter der ehrwürdigen Tradition des Volkslieds verstehen. Die Handwerkslehrbuben, die in die Singschule gehen, sind eigentlich nur am Stöhnen über die harten Anforderungen.
Unter den Meistersingern gibt es aber auch "so'ne und solche". Die meisten tun sich schwer, Neuerungen zu akzeptieren. Der verbohrteste Traditionalist unter ihnen ist der Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, der auch gleichzeitig die Position des "Merkers" innehat, sprich, bei Singprüfungen die Fehler notiert und korinthenkackerisch hypergenau jeden noch so kleinen Regelverstoß vermerkt. Klar, daß die Zunft allmählich überaltert, denn irgendwie besteht ja keiner mehr die Aufnahmeprüfung...
Auf der anderen Seite ist da der Schuster Hans Sachs, ein herzensguter Witwer von um die 50, gewissermaßen ein Freigeist. Er ist überzeugt, daß man Regeln von Zeit zu Zeit einer Prüfung unterziehen muß, damit man dem Fortschritt nicht die Tür versperrt. Er ist beim Stadtvolk der Beliebteste unter den Meistern und wegen seiner Dichtkunst sehr angesehen. Klar, daß olle Beckmesser ihn nicht ausstehen kann! :o)
Dann ist da noch der Goldschmied Veit Pogner, Witwer auch er, und sehr reich. Ein gutmütiger Mensch, der sich aber nicht traut, mit den Regeln der Zunft zu reformerisch umzugehen. Er hat eine wunderschöne Tochter, Eva, Erbin seines Vermögens. Er liebt sie über alles und möchte auf jeden Fall, daß sie heiratstechnisch in gute Hände kommt. Daher will er, daß sie einen Meistersinger heiratet. Problem: Die sind alle schon so alt! Es käme ja auch nur ein Witwer oder ein Single in Frage... und der einzige Single in der Zunft ist... Sixtus Beckmesser! Er macht sich Hoffnungen. Eva ist natürlich total begeistert. :o(
Um nun zu entscheiden, wen Eva heiraten soll, da sie sich selbst unter all den alten "Knackern" keinen Mann aussuchen möchte, entscheidet Veit Pogner, daß der Sieger des Meistersinger-Wettbewerbs am Johannistag Evas Hand und das Vermögen erhalten soll. Bislang ist Sixtus Beckmesser der einzige Bewerber. Na ja, und singen kann er ja... Eva würde von all den Meistern nur einen nehmen: Hans Sachs nämlich, der sie von Kindesbeinen an kennt und liebt. Doch er sagt - zu recht: "Ein Witwer? Mein Kind, der wär' zu alt für dich." Er hätte zwar an sich Eva gern zur Frau, aber er möchte vor allen Dingen, daß "sein Mädchen" glücklich wird.
Rettung naht - und jetzt beginnt die eigentliche Handlung:
Der junge Ritter (und Adlige - oh, oh...) Walther von Stolzing hat als letzter Sproß seines Hauses sein Gut verlassen, um als normaler Bürger in Nürnberg zu leben, weil er nämlich die Sangeskunst der Meister bewundert und bei ihnen auch Unterricht nehmen will. Am Sonntagmorgen in der Katharinenkirche wird er auf Eva und ihre Freundin Magdalene aufmerksam. Es kommt, wie es kommen muß: Er verliebt sich sofort in Eva und bedeutet ihr, nach dem Gottesdienst doch auf ein Wort zurückzubleiben. (Wunderschöne Pantomime: Während die Gemeinde einen Choral singt, gibt es immer kurze Zwischenspiele mit herrlichen Cello- oder Oboenmelodien. Beim Cello macht Walther immer irgendwelche Zeichen, bei der Oboe macht Eva heimlich irgendein Zeichen zurück. Sooo süß!!!!)
Also, Eva gibt vor, ihre Brosche verloren zu haben, Magdalene geht sie suchen, und Walther, total nervös, hat die Gelegenheit zu fragen, was ihm auf dem Herzen liegt: "Die Silbe, die mein Urteil spricht. (...) Mein Fräulein, sagt, seid Ihr schon Braut?"
Magdalene stößt dazu und klärt Walther über die Situation mit dem Sängerwettstreit auf. Ihr fällt auch ein, wie der Konflikt zu lösen ist, aber der "Lösungsweg" ist total verrückt, etwas, was noch nie jemand versucht hat, weil die Idee so abwegig ist und man schon sehr wagemutig sein muß, um das durchzuziehen. (Im Grunde also eine totale Harm-Aktion: Tu' etwas, was noch keiner versucht hat und wo sich alle nur an den Kopf fassen würden. Aber die Liebe ist den Einsatz wert!)
Heute, am Tage vor dem Johannistag, ist "Freiung". Das heißt: Nach der Messe trifft sich die Meistersingerzunft in der Kirche und gibt denjenigen, die es wagen wollen, die Gelegenheit zur Meisterprüfung. Mit anderen Worten: Walther muß von Null auf Hundert zum Meistersinger werden, um am nächsten Tag am Wettstreit teilnehmen zu können! Schluck... Walther nimmt die Herausforderung an. Er will für Eva kämpfen. "Ist's mit dem Schwert nicht, muß es gelingen, gilt es, als Meister Euch zu ersingen!"
David, Schusterlehrling und Singschüler bei Hans Sachs und außerdem mit Magdalene verbändelt (Sie dürfen aber noch nicht heiraten, weil David erst Gesell werden muß.), erklärt Walther die Regeln, wie ein Meisterlied gedichtet und komponiert sein muß (Walther dröhnt schon bald der Kopf vor lauter Vorschriften, die er sich nie wird merken können - und er darf nur sieben Fehler machen!).
Die Meister treffen ein. Walther bittet Veit Pogner, den er kennt, ihn als Prüfling vorzuschlagen. Die Meister sind verwundert, geben ihm aber die Gelegenheit. Sixtus Beckmesser wittert Konkurrenz um Evas Hand und ist entschlossen, Walther durchfallen zu lassen. Es kommt, wie es kommen muß: Walther hat zwar eine schöne Stimme und ein wunderschönes Lied gedichtet, aber es ist zu jugendlich und modern und verstößt gegen viele Regeln. Außerdem wollen die Meister keinen Adligen. ("Neu Junker-Unkraut tut nicht gut!") Die Meister sind entsetzt. Sixtus Beckmesser läßt Walther höhnisch durchfallen. Der junge Ritter ist in seiner Ehre sehr verletzt und vor allem verzweifelt, weil er Evas Hand nie wird erringen können.
Hans Sachs bleibt zurück und denkt nach. Walthers Gesang hat ihm gefallen. Er erkennt das große Talent des jungen Mannes und vor allem die Situation: Zwei junge Leute lieben sich, und Sachs muß alles in Bewegung setzen, um ihnen die Heirat zu ermöglichen. Auch wenn es bedeutet, daß er selbst auf Eva verzichten muß, aber er liebt sie so sehr, daß er nur ihr Glück will. Ende erster Akt.
Walther klagt Eva sein Leid und überredet sie, mit ihm zurück auf sein Gut zu fliehen. ("Dahin gehör' ich!") Sachs, Nachbar von Pogner, überhört den Plan und weiß, daß er die Flucht verhindern muß, um den beiden zu ihrem Glück zu verhelfen.
Komplizierendes Detail: Beckmesser will sein Wettbewerbs-Lied erproben und sehen, wie es Eva gefällt. Er hat ihr ausrichten lassen, sie solle sich abends ans Fenster stellen, so daß er ihr mit Laute und Stimme ein Ständchen bringen kann. Na toll... Eva überredet Magdalene, mit ihr die Kleider zu tauschen und statt ihrer ans Fenster zu gehen, so daß sie mit Walther fliehen kann. Sie müssen sich jedoch in der Gasse verstecken, als Sachs "wegen der schönen Nachtluft" (ja, ja...) seinen Arbeitstisch vor die Werkstatt räumt und, lautstark Lieder singend, Beckmesser beim Singen total aus dem Konzept bringt. (Das ist eine Szene zum Totlachen und meisterhaft komponiert!! Im Grunde läuft fast wortwörtlich die Singprüfungsszene noch einmal ab. Sachs blamiert Beckmesser in Grund und Boden, so wie der zuvor Walther blamiert hat. Beckmesser tobt! Und Walther erkennt, daß er einen Freund und Fürsprecher hat.)
David sieht Magdalene am Fenster, wird rasend eifersüchtig und vermöbelt den singenden Beckmesser. Wütende Nachbarn stürmen die nächtliche Straße, und binnen Kurzem entwickelt sich auf der Bühne die spektakulärste Massenschlägerei der Operngeschichte. (Die ist so unglaublich komponiert, daß es selbst Musikwissenschaftler wie ich kaum schaffen, die Partitur mitzulesen!!)
Walther und Eva wollen das Chaos zur Flucht nutzen, doch Sachs zieht den Ritter in sein Haus. Frauen kippen Wasser aus den Fenstern und kühlen die Gemüter, alles zieht sich jammernd in die Häuser zurück, binnen Minuten ist der Spuk vorbei. Der verwirrte Nachtwächter zieht verunsichert durch die leergefegte Straße... Ende zweiter Akt.
Sachs sitzt nachdenklich in seiner Werkstatt und sinniert über den "Wahn" in der Welt. Walther kommt herunter. Er hat einen wundervollen Traum gehabt. Sachs hat eine Idee: Walther soll ihm den Traum erzählen, so, wie er ihm dichterisch einfallen würde. Walther ist zwar nach wie vor tieftraurig, daß er Eva verloren hat, aber sein paradiesisches Traumbild tröstet ihn. Fast ohne Anstrengung, ganz behutsam von Meister Sachs korrigiert, gelingt es dem jungen Ritter, ein Lied zu dichten, das den Altmeister vor Ehrfurcht verstummen läßt. (Dieses sogenannte "Preislied" ist so schön, daß mir wirklich jedes Mal die Tränen kommen! Aber es ist schwer zu singen, und man braucht schon einen sehr, sehr guten Tenor, um das hinzukriegen.)
Sachs muß jetzt nur noch einen Weg finden, wie das Volk auf der Festwiese dieses Lied zu hören bekommt. Er weiß: Volkes Meinung würde Walther sofort zum Sieger machen. Damit würde es unmöglich für alle anderen, den Wettbewerb und Evas Hand zu gewinnen.
Eva und Magdalene sind unruhig und neugierig. Sie wollen wissen, was denn nun geschehen wird, und kommen unter Vorwand bei Sachs vorbei. Der lädt sie gleich in sein Haus, verkündet, ein Meisterlied sei soeben komponiert worden und müsse nach Meistertradition noch getauft werden. Eva hört Walther singen und erkennt sofort, was Sachs für sie getan hat. (Diese Szene ist so ergreifend: Plötzlich tut sich für die beiden jungen Liebenden ein gemeinsamer Weg auf, und sie erkennen gleichzeitig, daß Hans Sachs ja eigentlich selbst gern an Walthers Stelle wäre, jedoch aus Liebe zu Eva dafür sorgen will, daß sie mit Walther ihr Glück finden kann.)
Eva und Magdalene sollen Taufpatinnen für das neue Lied sein, ebenso David. Der müßte dazu aber Gesell sein. Sachs sagt, er sei mit Davids Leistungen ohnehin sehr zufrieden, und gibt ihm die obligatorische Gesellen-Backpfeife. (Das ist eine sehr niedliche Szene: In dem Moment, wo David zum Gesellen gemacht wird, kommen Magdalene in vielen Aufführungen die Tränen, denn das bedeutet für sie, daß sie und David endlich heiraten können!)
Es folgt: die musikalisch allerschönste, hundertprozentig tränensichere Stelle des Stücks. Die "Selige-Morgentraum-Deutweise" wird also nach Meistersinger-Tradition getauft. Sachs, Eva, Walther, Magdalene und David singen ein überirdisch schönes Quintett. (Das ist musikalisch so herrlich, daß ich wirklich nicht weiß, wie ich es noch beschreiben soll. Meiner Mom, meinem Dad und mir werden immer die Augen feucht.)
Alles verläßt die Werkstatt, um sich für die Festwiese fertigzumachen. Da kommt das Schicksal zu Hilfe: Beckmesser betritt die leere Werkstatt, verzweifelt mit sich ringend. Sein Wettbewerbslied wurde letzte Nacht in die Tonne getreten... soll er nun Sachs um Hilfe bitten? Seinen Erzfeind? Oder soll er etwas anderes suchen? Er weiß eigentlich gar nicht, was er in der Werkstatt will, aber er findet auf Sachsens Schreibtisch Walthers neues Lied, niedergeschrieben in Sachsens Schrift. Als der Schustermeister wieder die Werkstatt betritt, stellt Beckmesser ihn triumphierend zur Rede und beschuldigt ihn, er habe ihn letzte Nacht bei seinem Ständchen so schlecht aussehen lassen, damit er, Sachs, selbst um Evas Hand singen könne und nicht durch Konkurrenz gestört werde. Sachs erkennt die große Chance. Er sagt, nein, er habe keinesfalls vor, sich am Wettsingen zu beteiligen. Im Gegenteil: Er schenke Beckmesser das neue Lied und schwöre, niemals zu behaupten, es sei von ihm, Sachs, verfaßt. Beckmesser ist selig: Sein Wettbewerbsauftritt scheint gerettet. Sachs weiß genau: Obwohl Walthers neues Lied den Regeln entspricht, ist es dennoch so innovativ, daß Beckmesser es niemals wird singen können. Die Sache ist damit praktisch schon entschieden.
Auf der Festwiese ist Beckmesser wieder in tiefer Verzweiflung anzutreffen. Er versucht ständig, sich Walthers Lied einzuprägen, aber er bringt es einfach nicht zusammen. Schließlich muß er vorsingen... und versiebt alles total. Er verdreht den Text so aberwitzig, daß er zum absoluten Gespött der Nürnberger (und zum großen Vergnügen des Opernpublikums) wird. Wütend beschuldigt Beckmesser daraufhin Sachs, er habe ihm das Lied untergeschoben, um ihn zu sabotieren. Der "Unsinn" sei aber von Sachs, dem Publikumsliebling, geschrieben. Die Nürnberger sind sprachlos. Sachs verteidigt sich, und das tut er schlau: Er sagt, das Lied sei von jemandem anderes, und wenn derjenige es nun vollendet vortragen und dazu noch beweisen würde, daß er der Dichter und Komponist des Stücks sei, ob man demjenigen dann nicht die Meistersingerwürde verleihen könnte... (hint, hint...)
Walther von Stolzing tritt in die Runde und legt einen ergreifenden Vortrag hin, der das gesamte Festwiesenrund zu Tränen rührt. Die Meister können gar nicht anders, als ihn zum Sieger des Wettbewerbs zu erklären.
Walther und Eva können es nicht fassen: Sie dürfen heiraten!
Als jedoch der Vorsitzende der Meistersingerzunft Walther auch noch offiziell die Meisterwürde verleihen will, lehnt dieser aus immer noch gekränktem Stolz ab. "Nicht Meister, nein! Will ohne Meister selig sein!."
Sachs wird wütend und rettet die Situation, indem er alle Anwesenden in einem großen Schlußmonolog daran erinnert, daß man nicht erbost, sondern stolz auf die Meister sein müsse, weil sie die Kunst hochhalten und pflegen. Walther erkennt zerknirscht seinen Fehler und beugt am Ende das Knie, um die Meisterkette doch zu akzeptieren.
Alle sind glücklich. *g*
Ende der Oper