Super Bowl - Die Spätfolgen I
Autorin: Daenar (daenarchurill@yahoo.de)
Urheberrecht: JAG ist geistiges Eigentum von Belisarius Productions, CBS und Paramount Pictures. Ich verzichte ausdrücklich auf jegliche Art von Urheberrecht für diese Geschichte.
Kategorie: Romantischer Humor (H/M)
Altersfreigabe: ab 12 (einfach, um sicherzugehen)
Anmerkungen der Autorin: Dies ist eine Fortsetzung von Mathias' Geschichte ‚Super-Bowl-Überraschungen', die nach meinem Teil wieder von ihm fortgesetzt wird. Matze, vielen Dank für die Einladung zum Mitschreiben - ich hatte schon viel Spaß beim Betalesen!
Das ist meine erste JAG-Fanfiction auf Deutsch, etwas ungewohnt, muß ich sagen, aber einmal etwas anderes. Eines wollte ich nur klarstellen, bevor ich loslege: Als Journalistin ist mir die neue Rechtschreibung selbstverständlich geläufig, schließlich benutze ich sie jeden Tag. Da ich mir jedoch geschworen habe, diese völlig überflüssige, unlogische und die deutsche Sprache unterminierende Rechtschreibreform zu boykottieren, wo immer ich kann, wird diese Geschichte selbstverständlich (mit Matzes Einwilligung) nach den Regeln der alten Rechtschreibung verfaßt. So, das mußte ich einfach loswerden. Erschießt mich, wenn Ihr wollt. :o)
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20. Juni 2003
2314 Z-Zeit/18:14 Uhr EDT (Eastern Daylight Time/Ostküsten-Zeit im Sommer)
Harms und Macs Haus
Arlington, VA
 
Das Spiegelbild war grausam. Unbarmherzig. Frustrierend. Mac drehte sich langsam nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links... nur der Kopf blieb immer in Richtung der Reflexion gewandt, und die vertikale Falte über Macs schönen, dunklen Augen wurde zusehends tiefer."Das ist einfach nicht fair...", murmelte sie resigniert vor sich hin, während sie versuchte, das Jackett so zu schließen, daß es anschließend nicht über ihr Bäuchlein nach oben rutschte und zwischen ihrem Busen und Rabb Junior Falten schlug.
"Pack' dir vor allem bequeme Sachen ein", hatte Harm gesagt. "Ganz egal, ob große Garderobe oder Jogginganzug. Ich möchte, daß du dich in den Flitterwochen vor allem entspannen kannst. Dieser ganze Streß kann auf die Dauer für dich und das Kind nicht gut sein."
Sie hatte es ihm versprochen. Das war vor vier Wochen gewesen. Schon damals hatte sie den größten Teil ihrer Garderobe vom Dienst suspendiert und sich fest vorgenommen, vor der Reise noch einmal ordentlich Einkaufen zu gehen, denn die Vorstellung, ihre Flitterwochen mit dem Mann ihrer Träume und Vater ihres Wunschkinds in nichts anderem als einer zu kurzen Umstandshose von Harriet und den viel zu weiten T-Shirts ihres Mannes zu bestreiten, erschien ihr wie blanker Horror. Doch leider stand vor der Abreise noch die Hochzeit - eigentlich ein Grund zur Freude, aber in diesem Augenblick nicht für Sarah Mackenzie. Denn vor die Hochzeit hatte der Herr den Streß gestellt. Zeit zum Shoppen war da nicht geblieben.
Eine zu kurze Umstandshose und ein Haufen Herren-T-Shirts. Großartig.
Seufzend zog Mac das Jackett wieder aus und streifte sich das Oberteil ihrer Umstands-Uniform über. Harriet und Bobbi würden gleich da sein, und das einzige, was Mac ihrer Meinung nach halbwegs vernünftig aussehen ließ - abgesehen von ihrem Brautkleid, aber das stand auf einem anderen Blatt - war ihre Dienstkleidung.
‚Okay, morgen wird geheiratet, übermorgen fliege ich in Uniform in die Flitterwochen, und überübermorgen wird eine meiner ersten Urlaubshandlungen sein, mir ein bißchen nette Garderobe anzuschaffen. Gott sei Dank hat Harm nichts dagegen, mir beim Kleiderprobieren zuzusehen!' Ein entschlossener Atemzug, und Mac schloß ihren Kleiderschrank und ging ins Wohnzimmer. ‚Da ich ja eh nicht weiß, wo mein Göttergatte in spe mich hinentführen möchte, ist es ja eigentlich auch gleich, wenn ich einen fast leeren Koffer mitnehme.' Fatalismus tat ja so gut!
Da schrillte auch schon die Türglocke durch den Frieden des warmen Juniabends. Eine Hand schützend unter den Bauch gelegt, eilte Mac zur Tür und fand sich einen Augenblick später schon in Harriets Armen wieder.
"Oh, Ma'am, wie schön, Sie zu sehen! Vielen lieben Dank für die Einladung!"
"Harriet..." Macs Stimme ließ den leisesten Anflug von Erschöpfung durchklingen.
"Oh, Verzeihung..." Harriet war ehrlich verlegen. "Mac."
"Schon besser."
"Hallo Mac, sind die Herren schon weg?" Bobbi drückte Mac kurz, aber herzlich, im Vorbeigehen, während sie im anderen Arm die bestellten Pizzen balancierte.
"Yup. Sturgis hat Harm vor einer halben Stunde abgeholt. Sorry wegen der Uniform, aber..."
Mac kam nicht weiter. Harriets Grinsen schien doppelt so breit, als sie ihr fröhlich das Wort abschnitt. "Ach, das macht doch nichts! Wir wissen doch, daß Ihnen keine Zeit zum Einkaufen geblieben ist!"
"Wirklich, und außerdem steht Ihnen Marine-Grün einfach am besten", pflichtete Bobbi eifrig bei. Sehr eifrig... Mac runzelte die Stirn. Hatten die beiden von Harm die Order bekommen, sie moralisch aufzubauen?
Kopfschüttelnd ging sie voran in die Küche, um die Pizzateller bereitzustellen.
Zwei Stunden und etliches an fröhlichem Smalltalk später hatten sich die Damen mit einer Tasse Tee auf die Couch zurückgezogen, als plötzlich erneut die Türglocke ging.
"Wer kommt am Freitagabend um 2024?" murmelte Mac dezent ungehalten, während sie ihren Körper aus den Kissen hochwuchtete und mit der obligatorischen Hand im schmerzenden Rücken zur Tür ging.
Als sie öffnete, konnte sie ihre Augenbrauen nicht daran hindern, in Richtung Haaransatz zu wandern.
"UPS. Ein Paket für... äh... Mr. Harmon Rabb?" Der junge, segelohrige Paketbote schaute sie fröhlich an.
"Ja, da sind Sie hier richtig", murmelte Mac etwas irritiert. Um diese Zeit?
"Gut", freute sich der Bote, "denn Mr. Rabb hat in der Firma ausdrücklich die Nachricht hinterlassen, daß er heute abend zuhause sei."
"Äh, ja, natürlich." Das war sogar nicht einmal falsch, denn Harm hatte erst heute im Büro davon erfahren, daß seine Kollegen ihn auf einen Junggesellenabend entführen würden. Er hatte auch gleich ein wenig panisch reagiert, bis Mac ihn von seinen Bedenken befreit hatte, indem sie kurzum Harriet eingeladen und Sturgis aufgetragen hatte, doch bitte seine Freundin anzurufen. Später hatte Mac beobachtet, daß Harm Harriet etwas erklärte und eindringlich einzuschärfen schien. Beschützerinstinkt vermutlich. Mac hatte ihr Schmunzeln nicht unterdrücken können.
Mac bedankte sich und brachte das Paket ins Wohnzimmer, wo Harriet und Bobbi sie nur mild neugierig ansahen.
"Harm hat ausgerechnet heute irgendein Ersatzteil für seine Corvette gekriegt", erklärte sie mit einem lockeren Fingerzeig auf das Foto auf der Verpackung. Die Damen zogen nur die Augenbrauen hoch. Mac schaute das Paket nachdenklich an. "Vielleicht sollte ich es rasch auspacken, dann kann ich das Pappzeug noch entsorgen, bevor morgen..."
"Ach, lassen Sie das doch stehen", beeilte sich Harriet zu sagen, nahm der verdutzten Mac das Paket aus der Hand und trug es ins Schlafzimmer.
"Ja... bringen Sie es doch bitte... ins Schlafzimmer", stammelte Mac verwirrt, schüttelte dann den Kopf und setzte sich mit ihrer Tasse Tee wieder auf ihren Platz neben Bobbi.
Gerade war die Episode gedanklich unter "Kuriositäten" abgelegt, als es zwanzig Minuten später erneut klingelte.
"Ich gehe schon!" Bobbi war aufgesprungen und bereits auf dem Weg zur Tür.
"Ach, äh... danke..." Mac sah Harriet an, die aber nur lächelte und ihre Erzählung von Klein-AJs neuesten Abenteuern genau dort wieder aufnahm, wo die Türglocke sie unterbrochen hatte.
Ein paar Minuten später ließ sich Bobbi fröhlich wieder auf ihr Sofa fallen.
"Wer war es denn?" wollte Mac wissen.
"Ach, nur die Expresspost. Ein Paket für Harm." Bobbi versenkte ihre Nase in der Teetasse.
Mac runzelte die Stirn. "Und was ist drin?"
"Malariaprophylaxe. Aus der Online-Apotheke." Der Ton, mit dem die Worte aus der Tasse kamen, hätte unschuldiger nicht sein können. Mac verspürte ein leichtes ungehaltenes Ziehen in der Magengrube. Wohin wollte Harm verreisen? Er wußte doch, daß sie in der Schwangerschaft keine Chemie einwerfen wollte... Mit einem energischen Luftholen verdrängte sie die Gedanken und wandte sich wieder Harriets Erzählungen zu.
So ganz gelang es Mac jedoch nicht mehr, sich zu entspannen. Jeden Schatten, der in der Dämmerung vor dem Fenster vorbeiging, verdächtigte sie nun insgeheim, er würde gleich den Gartenweg in Richtung der Veranda einschlagen und an der Tür läu...
Na bitte.
Doch noch während Mac über ihr Bäuchlein hinweg ihre Tasse auf dem Kaffeetisch abstellen wollte, war Harriet schon aufgestanden. "Bleiben Sie sitzen, Mac. Ich mach' das schon."
"Okaaaay..." ‚Tief durchatmen, Mackenzie. Das geht auch vorüber...'
Mit einem fröhlichen Summen stapfte Harriet kurz darauf auf direktem Wege ins Schlafzimmer. "Nur ein Paket", trällerte sie, "Amazon. Irgendwelche historischen Filmaufnahmen von Luftschlachten. Für Harm."
"So...", machte Mac, inzwischen deutlich ungehalten. Doch ihre beiden Gäste schienen nicht zu bemerken, daß sie einsilbig wurde.
Als es zehn Minuten später abermals klingelte, war Mac nicht mehr wirklich erstaunt. Aber vorbereitet. Als Harriet und Bobbi sich noch mit einem Blick zu verabreden suchten, wer denn diesmal zur Tür sprinten würde, war Mac bereits unterwegs.
"Gleich wieder da-haaa..." rief sie über ihre Schulter. Hinter ihr herrschte betretenes Schweigen.
Mit grimmiger Schadenfreude öffnete Mac die Tür. Der arme FedEx-Bote tat ihr ein wenig leid, doch irgendwer mußte jetzt als Ventil herhalten.
"Reizend, wie sie die Menschen so spät noch überraschen", feuerte Mac dem bestürzten jungen Mann zuckersüß ins Gesicht. "Nachporto? Nein? Hier unterschreiben? Gut, geben Sie her. Danke. Schönen Abend noch!" Und die Tür flog dem Boten vor der Nase wieder zu.
Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen gestand sich Mac ein, daß sie sich jetzt bedeutend besser fühlte. Stirnrunzelnd warf sie einen Blick auf die überraschend große und leichte Sendung. "Zelte, Camping und co.?" las sie überrascht. ‚Was um alles in der Welt denkt sich dieser Seemann eigentlich...'
Zwei lange Minuten kämpfte Mac im Flur mit ihrem Gewissen. Dann siegte die Neugier. Doch gerade als sie das erste Klebeband entfernt hatte, kam Bobbi dazu.
"Mac, könnten Sie uns bitte zeigen, wo wir die Teeblätter finden? Wir dachten, wir sollten ruhig noch eine Runde nachkochen. Kommen Sie, ich bring' das rasch weg. Gehen Sie doch schon einmal zu Harriet in die Küche."
Bobbis sanfter Ton duldete keinen Widerspruch. Sie schob die grummelnde Hausherrin ins Zimmer und eilte dann mitsamt Paket in Richtung Schlafzimmer davon. Einen Augenblick lang debattierte Mac stumm, ob sie Einspruch einlegen sollte - doch dann ließ sie es resigniert bleiben und fügte sich in ihr Schicksal. ‚Harm wird sich heute noch eine mittlere Tirade anhören müssen', schwor sie sich jedoch im Stillen.
Die neue Runde Tee war zur Hälfte ausgetrunken, als sich der Schlüssel in der Haustür drehte und drei sehr fröhliche Offiziere auf ihre Damen zueilten.
"Hi Sweetie, war's nett? Komm, lassen wir den armen Brautleuten noch ein wenig Zeit zum Ausruhen." Bud zog Harriet förmlich vom Sofa, und der blonde Lieutenant ließ alles merkwürdig willig mit sich geschehen.
"Miss Latham, darf ich bitten?" Sturgis bot Bobbi galant seinen Arm, warf der verdutzten Mac ein Lächeln zu und geleitete seine Freundin aus dem Haus. "Bis morgen!"
"Harm, was soll..." Weiter kam Mac nicht, als sie sich plötzlich in den Armen ihres Zukünftigen wiederfand, der sie mühelos hochhob und ins Schlafzimmer trug.
"Marine, du mußt dich jetzt ausruhen, sonst macht dir Junior morgen mehr zu schaffen, als dir lieb ist." Harm setzte sie sanft ab und half ihr mit dem Reißverschluß ihres Uniformrocks.
"Ja, aber..."
"Kein aber, mein Schatz." Harms Lippen auf ihren eigenen ließen sie vorerst verstummen. Als Harm sie schließlich verliebt ansah und ihr sanft eine Haarsträhne hinters Ohr schob, beschloß sie, Pakete Pakete sein zu lassen.
"War's nett?" fragte sie nur mit einem leisen Lächeln.
Harms Grinsen wurde ein wenig verlegen. "Schon..."
Mit einem schmunzelnden Augenzwinkern ließ Mac ihn vom Haken. "Okay, ich will's gar nicht wissen." Damit entwand sie sich sanft seiner Umarmung und zog sich für die Nacht um. Sie war sich wohl bewußt, daß Harm sie beobachtete, und plötzlich war ihr das gar nicht recht.
"Bitte schau' mich nicht so an, Harm", bat sie ihn gequält. "Ich bin im Moment nicht gerade eine Augenweide."
"Schau' einfach noch einmal genauer hin", entgegnete Harm nur sanft.
Großer Fehler.
"Ich sag's ja!" Jetzt kam Mac in Fahrt. "Guck' dir doch nur diese Beine an! Das... das sind Sauerkrautstampfer! Da müssen x Liter Wasser drinstecken! Ich will morgen heiraten, Herrgottnochmal! Und ich sehe aus wie..."
"Mac..."
"...wie eine... eine... Bauerntrulla! Eine..."
"Mac!"
"...eine völlig inakzeptable, tonnenförmige..."
"MAC!!"
Harms Kommandostimme ließ sie innehalten. Sie drehte sich erschrocken um - und sah nur ein liebes Lächeln in seinen blauen Augen.
"Unter dem Kleid wird das niemand sehen, Sarah", sagte er leise.
Augenblicklich breitete sich ein Antwortlächeln auf Macs Gesichtszügen aus. Sie ließ die Hände sinken, setzte sich neben Harm auf das Bett und ließ sich in den Arm nehmen. "Danke", war alles, was sie sagte, bevor sich beide aneinandergekuschelt ausstreckten.
‚Mrs. Rabb minus zwölf Stunden und 47 Minuten - ich hätte nie gedacht, daß ich je an diesen Punkt kommen würde.'
 
21. Juni 2003 1623 Z-Zeit/11:23 Uhr EDT 
Harm wußte, er würde morgen unter Schmerzen aufwachen. Er würde einen steifen Hals haben, denn seit geschlagenen zwanzig Minuten schaute er nur nach links.Dort saß sie. Seine große Liebe. Seine Braut. Seine Sarah.
Als sie an Franks Arm die Kirche betreten hatte, hatte ihm der Atem gestockt. Er hatte Mac schon in vielen Situationen wunderschön gesehen. Aber heute stellte sie alles Vorangegangene in den Schatten. Sie war nicht von dieser Welt.
Ihr Kleid war so schlicht, wie es nur sein konnte. Glatte perlfarbene Seide, ein elegant geschwungener U-Boot-Ausschnitt, dreiviertellange schmale Ärmel. Unterhalb des Busens war das Kleid in napoleonischer Prinzeß-Manier ausgestellt und fiel in sanften Falten bis auf den Boden. Keine Paillette, kein Stückchen Spitze, keine Rüsche. Einzig eine sehr zarte weißgoldene Kette und ein einlagiger schulterlanger Schleier. Seine Mutter hatte nicht übertrieben, als sie ihm gesagt hatte, die Realität würde alle seine Vorstellungen übertreffen.
Das Eröffnungsgebet hatte er mechanisch mitgesprochen. Kyrie und Gloria waren an ihm vorübergegangen, ebenso die Lesungen, obwohl er und Mac die Texte selbst ausgesucht und Chloe und Sergei sich große Mühe gegeben hatten. Er hatte nur Augen für Mac.
Erst als zum Evangelium alles aufgestanden war, hatte er sich aus seiner Stasis befreien können.
Jetzt trat Chaplain Turner vor die Hochzeitsgemeinde und lächelte in die Runde.
"Ich hätte zwar aus den Erzählungen meines Sohnes einiges zu diesen beiden Menschen zu erzählen gewußt", sagte er schmunzelnd, "aber gerade zu Hochzeiten denke ich immer, es sollte sich jemand an die Brautleute wenden, der sie schon lange kennt und wirklich weiß, wovon er redet. Daher habe ich jemand anderes gebeten, heute die Predigt zu halten. Ich hoffe, niemand wird mir das übelnehmen."
Mac blickte Harm überrascht an, doch er schien auch nicht zu wissen, was nun folgen würde.
Zur allgemeinen Überraschung erhob sich nun Admiral Chegwidden, zog ein wenig verlegen die Jacke seiner Dress Whites gerade und stieg die drei Stufen zur Kanzel hinauf. Unwillkürlich tastete Macs Hand nach Harms.
AJ lächelte seine aufgeregten Untergebenen an, atmete tief durch und begann.
"Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze.
Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht, sie stellet sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit, sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf."
AJ blickte von der Bibel auf und sah Harm und Mac nachdenklich an. "Chaplain Turner und Paulus mögen mir verzeihen, wenn ich diese wundervollen Worte aus dem ersten Korintherbrief sehr persönlich interpretiere und vielleicht nicht ganz mit der gängigen Kirchenmeinung konform gehe. Aber wenn ich hier und heute etwas sagen soll, dann kann das nicht anders werden als zutiefst persönlich. Deshalb, Harm, Sarah, nehmt mir auch bitte nicht übel, wenn ich euch ausnahmsweise sehr persönlich anspreche. Das bedeutet aber nicht", fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu, "daß ihr euch in Zukunft noch mehr herausnehmen könnt, als ihr das ohnehin schon tut. Das Privileg eines Admirals schützt noch lange nicht vor Disziplinarstrafen."
Einige verhaltene Lacher lösten die Spannung ein wenig, konnten jedoch dem Augenblick nichts anhaben.
"Mit Menschen- und mit Engelszungen", fuhr AJ nachdenklich fort. "Weiß Gott, wie oft ich mich um die Engelszungen bemüht habe. Ich kann nicht zählen, wie oft dieses Gespann dort vorn es in den letzten Jahren geschafft hat, mich an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Und letztlich haben die Engelszungen auch nichts genutzt. Wenn einer von beiden der Meinung war, für den anderen um die halbe Welt fahren zu müssen, tja - dann hat er es einfach getan. So mancher Besucher hat mich gefragt, wer denn die beiden Offiziere seien, die dort draußen so lauthals stritten, und wie ich denn mit ihnen fertig würde. Nun ja, mit ein wenig militärischer Disziplin und mit Engelszungen. Anders war das nicht möglich. Und wie Paulus schon sagt: Wenn ich diese beiden verlegenen Leute dort nicht so verd... Verzeihung, Chaplain, unglaublich gern hätte, dann wäre ich vermutlich niemals zu ihnen durchgedrungen.
Alle Weisheit und Erkenntnis hätten mich vermutlich kaum weitergebracht, wann immer ich mir über euch den Kopf zerbrochen habe. Sarah, Harm, es bedurfte schon einiger Zuneigung, um nicht frustriert den Kopf gegen die Wand zu schlagen. Jetzt weiß ich jedoch, daß Glaube tatsächlich Berge versetzen kann, wenn nur die Emotionen am rechten Fleck sitzen. Ich gebe ganz offen zu: Ich hatte alle Hoffnung aufgegeben, daß ihr es doch noch schaffen würdet, aufeinander zuzugehen und zu euren Gefühlen zu stehen. Aber ich kenne da jemanden aus unserer Mannschaft, die felsenfest an euch geglaubt hat. Und sie hat recht behalten. Ich danke Ihnen, Lieutenant Sims."
Harriet wurde so rot wie der Blumenstrauß auf ihrem Schoß.
"Die Liebe sei langmütig, sagt Paulus", fuhr AJ fort und seufzte ein wenig theatralisch. "Das mußte sie in eurem Fall weiß Gott auch sein. Sie verträgt angeblich alles. Nun, wenn ich mir eure Geschichte so ansehe, erscheint das offensichtlich. Mehr als einmal wart ihr kurz davor, alles zu verlieren, und dennoch haben eure Gefühle die Durststrecken überdauert. Ich denke, besser vorbereitet als ihr kann man den Bund für das Leben nicht eingehen. Unzählige Krisen habt ihr gemeistert, nicht immer gemeinsam, aber doch in dem ungebrochenen Willen, einander nicht zu verlieren. Die Liebe hofft alles - auch eine Rettung in scheinbar aussichtsloser Situation. Sie duldet alles - auch die Entscheidung des geliebten Gegenübers, den Lebensweg anders zu beschreiten, als sich der andere das wünscht. Vor allem aber hört sie niemals auf. Harm, Sarah, ihr seid das lebendige Beispiel dafür. Und ich wünsche euch von ganzem Herzen, daß eure Liebe nach all den schweren Zeiten der vergangenen Jahre nur noch Sonne und Wärme für eure Zukunft bereithalten möge. Denn, wie Paulus sagt:
Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."
Tiefes Schweigen erfüllte den Kirchenraum, als AJ mit einem leicht verlegenen Lächeln die Stufen von der Kanzel wieder hinunterstieg. Den beiden Menschen auf den Stühlen vor dem Altar, und mit ihnen fast allen in den Bänken, standen Tränen in den Augen.
Als AJ mit einem liebevollen Seitenblick auf "seine Kinder" am Brautpaar vorbeiging, war Mac für einen Augenblick alles Protokoll egal. Sie stand auf und umarmte ihren Kommandeur, der nach einer Schrecksekunde die Geste warm erwiderte und mit Harm einen langen Blick tauschte.
Ein verhaltenes Räuspern von Chaplain Turner lenkte alle Aufmerksamkeit schließlich wieder auf das eigentliche Geschehen.
"Vielen Dank, Admiral. Ich denke, das hätte man besser nicht sagen können. Darf ich nun die Brautleute und die Gemeinde bitten, sich zu erheben?"
Allgemeines Rascheln und Füßescharren folgte.
"Wir sind heute hier versammelt, um mitanzusehen, wie Harmon und Sarah vor Gott und aller Welt den heiligen Bund der Ehe schließen. Dies ist ein ehrenhafter Schritt, und er sollte nicht leichtfertig getan werden. Wenn irgendjemand in dieser Versammlung einen Grund kennt, weshalb diese beiden Menschen nicht die Ehe miteinander eingehen dürfen, so rede er jetzt oder schweige für immer."
Die folgenden fünf Sekunden tiefsten Schweigens erschienen Harm wie die längste Zeit seines Lebens.
Schließlich wandte sich Chaplain Turner ihm zu. "Harmon, wenn du Sarah zu deiner rechtmäßigen Ehefrau nehmen willst, so lege jetzt vor ihr, vor Gott und aller Welt deinen Treueschwur ab.
Harm fühlte seine Knie weich werden. Das war der Augenblick. Er räusperte sich mühevoll, nahm Macs Hände in die seinen und sah in ihre Augen, als könne er sich an ihrem Blick festhalten, während alles andere um ihn herum zu verschwimmen begann.
"Ich, Harmon, nehme dich, Sarah, zu meiner rechtmäßig angetrauten Ehefrau. Ich gelobe feierlich, dich zu lieben..." Er konnte nicht weitersprechen. Seine Emotionen schnürten ihm die Kehle zu. Einige Augenblicke lang mußte er um seine Fassung ringen, bis er Mac schließlich unter Tränen anlächeln und neu ansetzen konnte. "Ich gelobe, dich zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Tagen, in Reichtum und Armut, in Gesundheit und Krankheit, jetzt und immerdar, bis daß der Tod uns scheidet und auch darüber hinaus. Mein Herz, meine Seele und alles, was ich bin, sei dein."
In Macs Innerem herrschte Aufruhr. Oben, unten, links und rechts existierten nicht mehr. Harms Blick war der einzige Fixpunkt, an dem sie sich orientieren konnte. Dennoch klang ihre Stimme erstaunlich klar und fest, und unverhohlen schwang die Freude in ihr mit, als sie den Schwur erwiderte.
"Ich, Sarah, nehme dich, Harmon, zu meinem rechtmäßig angetrauten Ehemann. Ich gelobe feierlich, dich zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Tagen, in Reichtum und Armut, in Gesundheit und Krankheit, jetzt und immerdar, bis daß der Tod uns scheidet und auch darüber hinaus. Mein Herz, meine Seele und alles, was ich bin, sei dein."
Chaplain Turner legte seine Stola über die verschränkten Hände des Paares. "Ihr habt euch nun vor Gott und der Welt die Treue geschworen. So erkläre ich euch denn, kraft des mir durch den Herrn verliehenen Amtes, zu Mann und Frau. Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen." Er machte das Kreuzzeichen und zog die Stola wieder von Harms und Macs Händen. Dann zwinkerte er Harm verschwörerisch zu.
Harm spürte, wie seine Hände zitterten, als er zart Macs Wangen berührte. Der Weg zu ihr hinunter schien endlos. Doch schließlich berührten sich ihre Lippen, sanft, unendlich sanft.
‚Sie ist meine Frau. Ich kann es einfach nicht fassen.'
 
22. Juni 2003 0732 Z-Zeit/02:32 Uhr EDT 
"Laß' mich 'runter!" Mac versuchte lachend, einen Fuß auf den Boden zu bekommen, aber Harm ließ sie nicht."Nein, mein Schatz. Ich trage dich über sämtliche Schwellen, bis ins Allerheiligste."
"Du trägst zwei Personen, Harm. Ich bin viel zu schwer!"
"Nichts da. Mit dir und Junior werde ich schon noch fertig, Holzkopf."
"Sei bloß ruhig, Qualle!"
"Das habe ich nicht gehört. So, da wären wir." Harm ließ Mac vorsichtig zu Boden gleiten, um sie gleich in die Arme zu schließen und leidenschaftlich zu küssen.
"Willkommen daheim, Mrs. Rabb", murmelte er in den Kuß hinein.
"Klingt das schön", antwortete sie auf gleiche Weise.
Eine kleine Weile standen sie nur eng umschlungen und versuchten, die Gewißheit zu verdauen, daß sie tatsächlich ihr Happy-End bekommen hatten.
Schließlich zog sich Harm ein wenig zurück und sah seine Frau liebevoll an. "Ich habe dir mein Geschenk noch gar nicht gegeben."
"Ich doch auch nicht", antwortete Mac versonnen, versunken in den Anblick des großen, dunkelhaarigen Mannes in der weißen Ausgehuniform mit den Goldflügeln am rechten Fleck.
"Das hat auch noch Zeit", entgegnete Harm mit einem Lächeln. "Aber ich muß das jetzt machen, weil du es nämlich einpacken sollst. Wir müssen morgen früh weg."
"Ich weiß ja noch nicht einmal, wo es hingehen soll", schmollte Mac mit einem gekonnten Augenaufschlag. "Willst du mir nicht wenigstens einen Tip geben, weshalb du Malariaprophylaxe und ein Zelt gekauft hast?"
Harms Mundwinkel zuckten verräterisch. "Mach's doch einfach auf."
"Wie, die Pakete sind für mich?" Macs Augen wurden kugelrund.
"Was meinst du, weshalb ich Bobbi und Harriet zum Aufpassen geschickt habe?"
"Hey, das ist unfair!"
Harms Flyboy-Grinsen war unerschütterlich. "Mach' die Pakete auf, und alles erklärt sich von selbst."
Mac seufzte, obwohl sie insgeheim vor Neugier beinahe platzte. "Na gut..."
Die "Malariaprophylaxe" kam zuerst an die Reihe. Der Karton enthielt, geschickt gefaltet, einen eleganten Jogginganzug mit auffällig dehnbarem Hosenbund. "Wow, Harm, der ist großartig!" Mac war begeistert. "Woher wußtest du denn...?"
"Ich lebe hier, Mac", war alles, was er mit einem Schmunzeln antwortete, während er ihr aus dem Kleid half, so daß sie den Anzug anprobieren konnte. Er saß.
"Danke, Harm, du bist der Beste!" Mac küßte ihn zärtlich.
"Ich weiß." Das hatte einen kleinen Klaps auf den Oberarm zur Folge.
Das "Ersatzteil" ließ Mac zunächst sprachlos aufschauen: ein garantiert sündhaft teurer anthrazitgrauer Hosenanzug für Damen in anderen Umständen. Im Kragen ein Schild: Dolce & Gabbana. "Harm, du bist ja verrückt..."
Harm freute sich diebisch. "Nur verrückt nach dir. Komm, probier' ihn 'mal!"
Mac drehte sich vor dem Spiegel und konnte sich nicht sattsehen. "Damit könnte ich vor dem Obersten Gerichtshof antreten."
"Oder einfach nur an einem romantischen Ort schön mit mir zu Abend essen?" ergänzte Harm mit einem Schmunzeln.
"Das auch", räumte sie lächelnd ein. Diesmal war der Dankeschön-Kuß schon etwas länger.
Das große FedEx-Paket kam als nächstes an die Reihe. Diesmal standen Mac Tränen in den Augen - es enthielt ein wundervolles dunkelgrünes Abendkleid, schulterfrei, mit passender Stola und ebenfalls viel Platz für Familienzuwachs. Das Etikett verriet Mac, daß Harm es im Brautmodengeschäft gekauft haben mußte, und sie dankte Harriet insgeheim, daß sie Harm wohl mit der Größe behilflich gewesen war. Das Kleid paßte wie eine zweite Haut.
"Ich kann es kaum erwarten, mit dir auszugehen, wenn du das trägst", sagte Harm leise, als er seine Frau ansah.
"Ich freue mich unglaublich darauf", antwortete sie nur. Mehr traute sie ihrer Stimme nicht zu.
Harm stand auf, zog Mac an sich und küßte sie erneut. Sie überließ sich ihm, bis er den Kontakt unterbrach. "Da ist noch ein Paket", flüsterte er. "Tust du mir einen Gefallen?"
"Hmm hmm."
"Wenn ich dir aus dem Kleid helfe, ziehst du dich dann draußen um und kommst herein, wenn du fertig bist?"
"Wie du möchtest." Sie schloß die Augen, als er ihr sanft das Kleid über den Kopf zog. Dann nahm sie das kleine Paket mit ins Bad und öffnete es. Mit zitternden Händen zog sie schließlich das wohl atemberaubendste Negligé aus dem Karton, das sie je gesehen hatte. Ein Bustier aus mitternachtsblauem Satin mit Spaghettiträgern war das einzige, was der Kreation den Anschein eines Kleidungsstückes gab. Unterhalb des Bustiers bestand das Nachthemd lediglich aus zwei dünnen, weiten Lagen dunkelblauen Chiffons, die ihr fast bis zu den Knöcheln reichten und sich an der Seite überlappten, aber nicht geschlossen waren. Der Stoff ließ alles erkennen, was darunterlag, aber doch nur so schemenhaft, daß der Betrachter seine Phantasie würde zu Hilfe nehmen müssen. Für Rabb Junior war selbstverständlich mehr als genug Platz.
Mac streifte das zarte Kleidungsstück über und betrachtete sich im Spiegel. ‚Habe ich je gesagt, ich sei häßlich?' fragte sie sich verwundert. Gerade im Moment kam sie sich so vor, als hätte ihr niemals zuvor etwas so gut gestanden wie ihre Schwangerschaft.
Mit klopfendem Herzen betrat sie das Schlafzimmer, wo Harm sich bereits für die Nacht fertiggemacht hatte. Als sie fast schüchtern auf ihn zutrat, sah er sie nur an, unfähig irgendetwas zu sagen.
"Danke", sagte sie leise, die Stimme nicht ganz fest.
"Ich danke *dir*, Sarah", entgegnete er kaum hörbar, bevor er sie in die Arme nahm.
Einige Minuten vergingen, bevor sie sich aus der Umarmung lösten.
Mac sah ihren Mann mit leicht schiefgelegtem Kopf an. "Du, Harm..."
"Ja?"
"Wir müssen morgen früh 'raus, ja?"
"Leider. Der Flieger wartet nicht."
"Glaubst du, du kannst jetzt schlafen?"
"Nicht wirklich", antwortete er leise, die Stimme angestrengt.
Sie lächelte. "Gut", flüsterte sie ihm ins Ohr, "ich nämlich auch nicht."
Sein Gesicht verzog sich ebenfalls zu einem Lächeln. "Das kling gut."
"Na, dann sind wir uns ja einig."
"Wenn Sie es sagen, Ma'am..."
Mac antwortete nicht, sondern zog sanft seinen Kopf zu ihr herunter. Worte waren jetzt überflüssig.
 
Fortsetzung folgt...