collage by StephJAG

Graphic by Steph

Unschuld, verloren und wiedergefunden

Autorin: AeroGirl - http://aerogirl.dhs.org
Altersfreigabe: ab 12

Deutsche Übersetzung: Daenar (daenarchurill@yahoo.de)

Klassifikation: Romantische Geschichte (H/M)
Nimmt Bezug auf die Folgen ‚Namenloses Entsetzen' (‚Nobody's Child'), ‚Lebe wohl und viel Glück!' (‚Goodbyes') und ‚Answered Prayers' (Weihnachtsfolge der 7. Staffel)

Anmerkungen der Autorin: Diese Geschichte ist in der Mitte der siebenten Staffel angesiedelt, und auch wenn es nicht unbedingt nötig ist, könnte es helfen, wenn Ihr zuvor meine Geschichte ‚And Miles to Go' lesen würdet, um zu verstehen, wo genau Harm und Mac in ihrer Beziehung zueinander stehen. (Kurzversion: Sie wissen, wie sie für einander empfinden, aber sie sind nicht wirklich "zusammen". Sie halten aber nebenbei nach neuen Möglichkeiten für ihre Karrieren Ausschau, die ein wenig einfacher zu handhaben wären.) Um die Kontinuität zu wahren, spielt die Handlung, bevor Bud auf die Seahawk versetzt wird. Außerdem weiß ich persönlich überhaupt nichts über die Gebärdensprache, also stammen alle Details, besonderen Gesten etc. im Text entweder aus der Online-Recherche oder einfach aus meiner Vorstellung. Ich überlasse es Euch zu entscheiden, was was ist. Dies ist zugegebenermaßen etwas, was nie und nimmer in der Serie passieren würde, aber was soll's? Das hat mich noch nie gebremst.

Anmerkungen der Übersetzerin: Ich bin eigentlich kein Freund von Übersetzungen, aber ich habe zu meiner Überraschung festgestellt, daß das Übersetzen sehr viel Spaß macht - aber nur dann, wenn die Originalvorlage wirklich gut ist. Ich kann Euch versichern, das ist sie! ‚Innocence Lost and Found' ist eine von meinen absoluten Lieblingsfanfictions, und ich bewundere meine liebe Freundin AeroGirl zutiefst für ihr erzählerisches Talent! Danke, AG, daß ich Deine Geschichte übersetzen durfte.

Ich habe die Dialoge zwischen Harm und Mac in der Duz-Form übersetzt, da der genaue Beobachter mitbekommen haben wird, daß sie sich in der deutschen Version nach dem Kuß in der Folge ‚Die Verlobung' (‚Lifeline') tatsächlich nicht mehr siezen! :o) Ach ja, und natürlich ist die Übersetzung nach den Regeln der Alten Rechtschreibung verfaßt!


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1003 EST
JAG-Hauptquartier
Falls Church, Virginia

 

"Geschoß im Anflug!"

Sarah Mackenzie duckte sich instinktiv, als ein Projektil an ihrem Kopf vorbeizischte. "Was zum Teufel war das?" fragte sie erschrocken. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes hatte ein kleines Flugzeug aus Balsaholz seine Schnauze ins Schwarze Brett gebohrt. Petty Officer Tiner steckte seinen Kopf mit einem leise schuldbewußten Gesichtsausdruck ins Großraumbüro. "Was ist los, Tiner? Sind die Jura-Kurse so langweilig, daß Sie nebenbei noch Aerodynamik belegen mußten?"

"Nein, Ma'am - tut mir leid, Ma'am. Es wird nicht wieder vorkommen, Ma'am."

Mac zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte einen Verdacht. Drei "Ma'ams" waren schlicht zuviel, sogar für Tiner. "Wen schützen Sie, Petty Officer?"

Just in diesem Augenblick öffnete sich eine weitere Bürotür und bestätigte ihre Vermutung. "Was habe ich Ihnen gesagt?" rief Harm dem verlegenen Tiner zu, während er sein Spielzeugflugzeug aus der Wand zog. "Vertikaler Stabilisator. Funktioniert jedesmal."

"Sie haben gewonnen, Sir", räumte Tiner ein, überreichte ihm einen Fünf-Dollar-Schein und kehrte schnell an seinen Schreibtisch zurück, bevor man ihn hätte maßregeln können. Mac schüttelte nur ihren Kopf.

"Wie kannst du sein Geld nehmen? Du hast einen unfairen Vorteil."

"Hey, ich bau' sie nicht - ich flieg' sie nur. Und er ist selbst schuld, wenn er mich herausfordert."

Der Colonel sah ihren besten Freund an und verdrehte die Augen. "Du untergräbst Ordnung und Disziplin, Flieger-As."

"Als wenn ich das nicht wüßte."

"Commander, Colonel", hörten sie den Admiral vom Eingang seines Büros aus. Harm stellte sich gerade hin und versteckte das kleine Flugzeug hinter seinem Rücken. "Haben Sie eine Minute Zeit?"

Es war nicht wirklich eine Frage. Fragen dieser Art waren niemals welche, wenn sie von einem Zwei-Sterne-Admiral kamen. "Aye, Sir", antworteten sie wie aus einem Munde und machten sich auf, ihm zu folgen. Als sie das Vorzimmer passierten, warf Harm schnell das Flugzeug auf Tiners Schreibtisch, und der Adjutant verstaute es rasch in einer Schublade, bevor ihr Kommandeur es bemerken würde. Mac unterdrückte ein Grinsen und nahm neben ihrem Partner vor dem großen Eichenschreibtisch Haltung an.

"Rühren. Commander Rabb, Colonel Mackenzie, das sind Agent Holstrom und Agent Faulkner vom NCIS."

Die Anwälte wandten sich um und tauschten mit den Besuchern einen Händedruck aus, als sie ein kleines Mädchen bemerkten, das in einer Ecke des Büros saß. Die Kleine sah einen Moment lang zu den Neuankömmlingen auf und wandte dann ihre Aufmerksamkeit wieder dem Buch in ihrem Schoß zu. Agent Holstrom machte eine Handbewegung in ihre Richtung. "Dieses kleine Mädchen gehört im Augenblick zu uns. Ihr Name ist Rachel Marks. Ihre Mutter war Lieutenant Commander Alison Marks vom J-2-Büro im Pentagon."

Keinem der Offiziere entging, daß er im Präteritum gesprochen hatte. "Was ist mit Commander Marks?" fragte Mac vorsichtig.

"Sie ist gestern am frühen Morgen in ihrem Haus in Arlington ermordet worden. Zwei Schüsse in die Brust aus kurzer Distanz, keine Anzeichen für einen Raubüberfall. Wir nehmen an, daß ihr Tod etwas mit ihrer Arbeit zu tun hat."

J-2 war die Bezeichnung für die Geheimdienstabteilung des Generalstabsdirektorats, was allen Anwesenden sehr wohl bekannt war. Ermordet wegen einer Geheimdienstoperation, bei sich zuhause? Macs Augen wanderten zu dem kleinen Mädchen. Sie hoffte, die Kleine hatte nicht zugehört, doch sie hatte nicht einmal aufgeblickt. Da war irgendetwas in ihrem Verhalten, was der Marineinfanteristin merkwürdig vertraut vorkam, etwas, das Erinnerungen an ihre eigene, bei weitem nicht perfekte Kindheit aufkommen ließ. Das Kind igelte sich ein.

"Der Ehemann des Commanders ist vor vier Jahren bei einem Flugdeckunfall auf der Kennedy ums Leben gekommen. Die Tochter ist die einzige Zeugin des gestrigen Vorfalls, und wir wissen nicht genau, was sie gesehen hat", fuhr Holstrom fort. "Wir müssen sie selbstverständlich gut im Auge behalten, falls wer immer das getan hat, von ihr weiß. Wir würden JAG gern um Mithilfe bei diesem Fall bitten, besonders bei dieser Sachlage. Wir vernehmen nicht sehr häufig Siebenjährige, und da ist noch etwas, was die Sache verkompliziert."

Harm ergriff das Wort. "Agent, würde es Ihnen etwas ausmachen, nicht so über das Mädchen zu sprechen, als ob es gar nicht da wäre?"

Mac sah zu ihm hinüber und fragte sich, ob er im Geiste wohl Bilder von Annie und Darlyn Lewis sah. Ohne etwas davon bemerkt zu haben, schaltete sich Agent Faulkner in die Unterhaltung ein. "Genau das macht die Sache kompliziert. Rachel Marks ist vollkommen taub, schon von Geburt an. Sie kann relativ gut lippenlesen, aber verständigt sich hauptsächlich durch Gebärdensprache."

Admiral Chegwidden seufzte. "Das wird es deutlich schwerer machen. Wo kriegen wir jetzt einen Dolmetscher her?"

"Man sagte uns, Sie hätten hier jemanden mit Gebärdensprach-Kenntnissen", bemerkte Faulkner.

Der Admiral sah sofort zu Mac hinüber, die den Kopf schüttelte. "Ich nicht, Sir. Ich kann ein paar Sprachen, aber das hier ist garantiert keine davon."

"Keine Sorge, Mac", sagte Harm schlicht. "Ich übernehme das." Die anderen beobachteten, wie er durch den Raum zu dem Mädchen hinüberging. Die Kleine hob den Kopf. Leises Mißtrauen lag in ihrem Blick.

"Harm", setzte Mac ruhig an, "ich glaube kaum, daß das hier etwas ist, wo du dich so einfach durchschummeln kannst..."

Doch er überraschte sie, als er langsam, aber sorgfältig, mit seinen Händen Worte zu formen begann. "Hi, Rachel", sagte er laut, teils für die anderen Anwesenden, teils weil er sichergehen wollte, daß er sich klar ausdrückte. Er signalisierte die Buchstaben seines Namens, als er fortfuhr: "Mein Name ist Harmon. Ich will dir helfen. Verstehst du mich?"

Rachel sah ihn mit großen, blauen Augen an und begann dann, in sehr flinken Gesten zu antworten. Harm lächelte überwältigt. "Sachte, Kleines", antwortete er in Gesten und Worten. "Ich bin ein bißchen aus der Übung. Kannst du versuchen, für mich ein bißchen langsamer zu reden?"

Sie gestikulierte erneut, sorgfältiger diesmal, und Harm blutete das Herz, als er die ernste Furcht sah, die ihr zartes Gesicht überzog. "Nein, Kleines", sagte er mit fester Stimme. "Niemand wird dir etwas tun, versprochen." Als er das letzte Zeichen beendet hatte, legte er ihr die Hand auf den Kopf, und beinahe - beinahe - lächelte sie zurück.

Fasziniert wandte sich Mac wieder dem Admiral zu. Obwohl es seine feste Haltung war, in seinem Amt niemals über irgendetwas schockiert zu sein, besonders dann nicht, wenn es von einem seiner beiden ranghöchsten Anwälte kam, war er fast so überrascht wie sie. "Commander, Colonel, darf ich daraus schließen, daß Sie diesen Fall gern übernehmen würden?"

"Jawohl, Sir", antwortete Mac sofort, da sie sah, daß Harms Entscheidung schon gefallen war. "Agents, wenn Sie einverstanden sind, das hier in den Konferenzraum zu verlagern, dann könnten wir anfangen, die Ermittlung zu planen. Wir holen nur schnell die Akten und kommen dann dazu."

Harm stand auf und folgte den anderen zur Tür. Als er sich umdrehte, sah er, wie seine Partnerin ihn mit neuem Interesse ansah. Beide blieben ein kleines Stück hinter der Gruppe zurück. "Warum dieser Blick? Manche Menschen können Farsi und Russisch. Ich kann Gebärdensprache. Na und?"

"Seemann, ich habe keinen Zweifel, daß du viele, viele versteckte Talente besitzt", antwortete sie zuckersüß, "aber sieh doch einmal den Tatsachen ins Auge. Die Gebärdensprache ist nicht gerade etwas, was der Durchschnittsbürger ohne die passende Gelegenheit oder einen zwingenden Grund lernt."

Er zuckte die Schultern. "Ich hatte in der Highschool einen Freund, der taub war. Das ist eine phantastische Möglichkeit, neugierige Klassenkameraden davon abzuhalten, Gespräche zu belauschen. Wie auch immer, ich hab' sie zwanzig Jahre lang nicht benutzt. Ich werde wieder ein wenig hineinkommen müssen. Sonst noch 'was, du neugieriger Holzkopf?"

Sie warf ihm einen gekränkten Blick zu. "Da du es gerade erwähnst, ja. Warum hast du ihr gesagt, dein Name sei Harmon? Das ist doch eher umständlich auszubuchstabieren."

"Ich dachte, ‚Harm' verwirrt sie vielleicht zu sehr. Man geht nach einer Weile sowieso dazu über, Namen mit dem ersten Buchstaben abzukürzen, also wird es vermutlich bald keine Bedeutung mehr haben. Komm, wir haben zu tun."

"Ich folge dir auf dem Fuße." Einen Augenblick später rief sie ihn jedoch erneut. "Hey, Harm?"

"Hmm?"

"Muß ja ein guter Freund gewesen sein."

Für einen Augenblick zog ein Schatten über Harms Gesicht, aber er nickte. "Ja, das war er."

Sie entschied, daß sie später noch die Gelegenheit haben würde, ihn auszufragen. Also lächelte sie ihm einfach zu und zog sich in ihr Büro zurück, um einen Notizblock zu holen.


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Lieutenant Commander Alison Marks war allen Aussagen zufolge eine herausragende Offizierin gewesen. Als ROTC-Absolventin der Univerity of Illinois hatte man sie für Geheimdienstaufgaben ausgewählt, nachdem sie vorher sechs Monate lang auf der USS Leyte Gulf als Kryptologin gedient hatte. Seitdem hatte sie immer im Pentagon gearbeitet und dort Satellitendaten für den Generalstab analysiert. Rachel war ihr einziges Kind und seit dem Tod von Lieutenant Stephen Marks vier Jahre zuvor auch ihre einzige Familienangehörige.

Alison Marks hatte eine lupenreine Personalakte - nicht ein einziger dunkler Fleck, welcher Art auch immer. Und dennoch war jemand zu ihr nach Hause gekommen und hatte sie direkt ins Herz geschossen. Hatte sie im Rahmen ihrer beruflichen Pflichten irgendetwas entdeckt, was sie nicht hätte sehen sollen? Was sonst wäre die Mühe wert gewesen, sie umzubringen?

Bevor Harm zu der Gruppe im Konferenzraum dazustieß, hatte er Harriet auf eine Einkaufs-Mission geschickt, um ein Gebärdensprache-Wörterbuch aufzutreiben. Damals in der Schule hatte er relativ fließend sprechen können, aber das hier war meilenweit entfernt von den Teenager-Gesprächen, die er vor all den Jahren mit J.J. geführt hatte. Während Mac und die NCIS-Agenten den gegenwärtigen Stand der Beweisaufnahme erörterten, setzte er sich neben Rachel.

Das Mädchen wischte sich ein paar hellbraune Locken aus dem Gesicht und starrte ihn neugierig an. Es war nur verständlich, daß sie vor einigen Dingen Angst hatte, aber er gehörte offensichtlich nicht dazu. Er lächelte sie erneut an. Rachel legte ihr Buch beiseite und fing an zu gestikulieren.

[Fliegst du Flugzeuge?] fragte sie.

Überrascht, daß sie sein Fliegerabzeichen bemerkt und richtig zugeordnet hatte, nickte Harm. "Gelegentlich", antwortete er. "Magst du Flugzeuge?"

Sie zuckte die Schultern. [Mom sagte, mein Dad mochte sie. Ich hab' bisher nur einmal in einem Flugzeug gesessen.]

"Also, ich habe mein eigenes Flugzeug", erzählte er mit Worten und Händen. "Wenn du magst, könntest du ja vielleicht einmal mit mir mitfliegen."

[Cool,] antwortete sie schlicht, was so ziemlich die größte Zustimmung war, die er von ihr erwartet hatte.

Mac beobachtete sie von der anderen Seite des Raumes. Sie wünschte, sie müßten das arme Mädchen nicht zwingen, den Albtraum vom Tod der Mutter noch einmal durchzumachen. Bislang war Rachel recht ruhig geblieben, wenn auch vielleicht ein wenig wachsam, was die Umgebung betraf. Aber Kinder konnten auf so unterschiedliche Weise reagieren. Daß sie ruhig blieb, mußte noch lange nichts über ihren wirklichen Seelenzustand aussagen. Das hatten sie von Darlyn Lewis gelernt. Rachel Marks war ein zerbrechliches Geschöpf, und was sie mit ihr vorhatten, würde ihr unweigerlich wehtun.

Aber es gab keine andere Wahl.

"Ist sie bereit, mit uns zu sprechen?" fragte Holstrom. Harm übersetzte die Anfrage, und Rachel nickte mit ängstlichem Blick. Der Commander drückte kurz ihre Hand und drehte sich dann zu den Agenten um, so daß sie seine Lippen nicht würde lesen können.

"Sie ist hier bei uns, Leute. Sie weiß, daß Sie mit ihr sprechen, also tun Sie mir bitte den Gefallen und sprechen Sie direkt zu ihr, in Ordnung? Und lassen Sie es sachte angehen."

Mac verkniff sich ein Lächeln, als sie Harm in seiner Ultra-Beschützerrolle sah. Es war nicht gerade einer seiner Charakterzüge, den er oft herauskehren konnte, aber wenn er es tat, dann machte ihn das wahnsinnig attraktiv.

"Geht klar." Holstrom schaute die Kleine direkt an und nahm etwas Schärfe aus seinem Ton - vielleicht eine unnötige Geste ihr gegenüber, aber Harm verstand die Intention und war dafür dankbar. "Rachel, kannst du uns sagen, woran du dich von dieser Nacht erinnerst?"

Rachel sah Harm an, während er sorgfältig die Worte formte. Als sie antwortete, konzentrierte er sich auf ihre sich rapide bewegenden Hände und entzifferte die Zeichen, so schnell er konnte. " ‚Ich habe geschlafen - in meinem Zimmer", begann er vorsichtig. "Als ich aufgewacht bin, bin ich aufgestanden, um mir etwas... etwas zu trinken zu holen, und da habe ich den Mann hereinkommen sehen.' "

"Wie ist er hereingekommen?" warf Faulkner ein. "Ist er eingebrochen, oder war die Tür nicht abgeschlossen?"

Rachel dachte einen Moment lang nach, bevor sie antwortete. Harm übersetzte: " ‚Ich weiß nicht. Er kam einfach durch die Tür. Er ist ins Wohnzimmer gegangen, und ich hab' gesehen, daß er eine Pistole hatte.' "

"Hat er dich gesehen?" fragte Mac sanft.

Rachel schüttelte den Kopf. " ‚Ich war auf der Treppe' ", sagte Harm, der ihren Gesten nun schon leichter folgen konnte. " ‚Ich wollte Mom warnen gehen, aber sie war nicht in ihrem Zimmer. Dann hörte ich die...", er zögerte kurz bei einem Wort, das er nicht kannte, " ...die Schüsse.' "

Die Erwachsenen tauschten überraschte Blicke. "Du konntest sie hören?" fragte Holstrom.

" ‚Ein bißchen, weil sie so laut waren. Ich konnte sie in meinem Kopf fühlen...' " Harm brach ab, als sich Rachels Augen mit Tränen füllten. Sofort begann er zu gestikulieren. "Liebes, wir können das so langsam machen, wie du willst. Ich weiß, du magst daran nicht denken. Du bist sehr tapfer."

Sie nickte und setzte erneut an. " ‚Ich hab' mich unter der Treppe versteckt, bis er weg war, und dann bin ich Mom suchen gegangen' ", fuhr er fort. " ‚Als ich sie gesehen habe, in der Küche, mit all dem... Blut, da hab' ich 911 angerufen, wie sie es mir immer gesagt hat. Die finden einen nämlich, auch wenn man nicht mit ihnen sprechen kann.' "

Mac konnte nicht umhin, von der Art und Weise, wie sich die Kleine schlug, tief beeindruckt zu sein. Auch den Agenten war nicht ganz wohl in ihrer Haut, aber sie drängten darauf, weiterzumachen. "Kannst du den Mann beschreiben, den du gesehen hast, Rachel?"

Das Mädchen machte eine kleine Pause, und nur Harm konnte Rachels Finger zittern sehen. "Benutz' mich als Vergleich", schlug er ihr vor. "War er kleiner oder größer als ich?"

Auf ihre Antwort hin brach er in schallendes Gelächter aus. Die anderen schauten ihn fragend an, und er erzählte, warum. "Sie sagt, alle sind kleiner als ich." Die Spannung ließ ein wenig nach, und sie sprach weiter. " ‚Ein bißchen kleiner und ein bißchen schwerer. Er hatte dunkle Haare... das ist alles, was ich gesehen habe." Sie wandte sich rasch ab.

Harm begriff plötzlich, daß das der schwierigste Teil war. Zu versuchen, sich den Mörder ihrer Mutter vorzustellen, ein Gesicht, das sie nie wieder sehen wollte - noch einmal das Unheil zu erleben, das dieser Mann über sie gebracht hatte...

Instinktiv streckte er ihr seine Hand entgegen, kniete sich neben sie hin und wartete ruhig, bis sie mit roten, verschwollenen Augen aufblickte. [Sie ist weg für immer,] gestikulierte sie durch ihre Tränen. [Ich werde sie nie wiedersehen.]

Gott, ich hoffe, ich kriege das hin, bat er im Stillen und begann sehr vorsichtig mit der Antwort. "Rachel, ich weiß, daß wir das nicht in Ordnung bringen können. Deine Mom war eine ganz besondere Person, und es ist nicht fair, daß jemand sie dir weggenommen hat. Aber ich verspreche dir, daß wir diesen Mann finden werden, so daß er niemandem mehr so wehtun kann. Und ich verspreche dir auch, daß es eines Tages nicht mehr so wehtun wird. Wir werden dir helfen, Kleines. Es wird alles gut."

Das kleine Mädchen suchte in seinen blauen Augen nach Anzeichen dafür, daß er sie verstand. Nach einer Minute, die ewig zu dauern schien, beugte sie sich vor und legte ihre Arme um seinen Hals. Er fühlte, wie ein paar Tränen auf seinen Kragen fielen, und hielt sie fest - er wollte ihr mit seiner schlichten Umarmung das Gefühl von so viel Sicherheit und Geborgenheit geben, wie nur irgend möglich war.

Holstrom seufzte. "Ich hasse Fälle wie diesen. Wir können für heute hier aufhören - es ist unnötig, sie noch mehr aufzuregen. Wenn Sie beide den ballistischen Untersuchungsbericht abholen fahren, während wir sie nach Hause bringen, dann können wir uns alle am Tatort treffen."

"Wo ist sie untergebracht?" fragte Mac, die noch immer das kleine Persönchen in den Armen ihres Partners ansah.

"Sie scheint keinerlei nennenswerte Familie zu haben - wenigstens haben wir keine finden können. Der Sozialdienst hat sie vorübergehend bei einem Ehepaar in Rosslyn untergebracht. Beide sind Polizisten, es ist also ziemlich sicher, aber sie muß alles aufschreiben, statt zu gestikulieren. Sie geht auf eine Schule für Hörgeschädigte, aber das ist keine wirklich sichere Umgebung, also halten wir sie da heraus. Das ist das beste, was wir im Augenblick tun konnten."

"In Ordnung. Wir können während der Ermittlung außerhalb von JAG arbeiten, also denke ich, Sie bringen sie besser morgen früh hierher zurück."

Harm befreite sich sanft aus Rachels Umarmung, als ihre Tränen versiegt waren, und brachte sie zur Tür. "Ich seh' dich morgen, okay?" sagte er freundlich. "Mach' dir keine Sorgen."

Als Antwort darauf signalisierte sie seinen Namen, berührte dann mit der Hand ihre Lippen und streckte die Finger in seine Richtung aus, Handfläche nach oben. Er lächelte. "Gerngeschehen. Tschüß, Rachel."

Als sie gegangen waren, erhob er sich langsam. Mac trat zu ihm heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Es ist furchtbar, nicht wahr?" sagte sie leise.

"Ja, aber ich denke, mit der Zeit wird sie darüber hinwegkommen. Sie scheint mir ziemlich stark zu sein. Ich meine, ich habe das Gefühl, sie fängt an, mir zu vertrauen."

"Seemann, du bist eine halbe Meile groß, und du trägst eine Uniform. Welches siebenjährige Mädchen würde sich bei dir nicht sicher fühlen?" Sie lächelte zu ihm auf und nahm die Akten vom Tisch. "Wir müssen noch ein paar Berichte abholen, bevor wir nach Arlington fahren."

"Geh' du voran, Marine."


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1402 Hickory Drive
Arlington

 

Mac sah sich mit kritischem Blick im ersten Stock des kleinen Hauses um. "Ich sage das ungern, aber was Zeugen angeht - Rachel ist nicht wirklich geeignet."

"Ich weiß. Soweit wir wissen, könnte Alison Marks eine lange Unterhaltung mit dem Typen gehabt haben, bevor er sie erschossen hat." Harm ging in die Knie, um den Küchenboden genauer zu untersuchen, auf dem die Umrißlinie zu sehen war, die die Polizei üblicherweise am Tatort um eine Leiche zog. "Aber das bezweifle ich. Er hatte nicht viel Zeit. Ich sehe auch keine Anzeichen für einen Kampf. Denkst du, er hat sie überrascht?"

"Oder vielleicht kannte sie ihn", merkte sie an, während sie zum Eingang hinüberging. "Warum sollte die Tür um diese nachtschlafende Zeit offen gewesen sein? Vielleicht hatte er einen Schlüssel?"

"Ich würde zu beidem nein sagen", stellte Agent Faulkner fest, als er und Holstrom das Haus betraten. "Das Schloß ist aufgebrochen worden. Sogar mit einem ziemlich schlauen Werkzeug. Die Kratzer waren kaum zu sehen." Er reichte einen Packen Fotos hinüber, die Mac durchsah. "Haben Sie im Gegenzug etwas für uns?"

Harm hielt den ballistischen Bericht hoch. "Neun Millimeter, nichts Besonderes. Wenn unsere Leute hier nicht zufällig eine Waffe finden sollten, dann ist das hier nicht viel wert."

"Wir durchsuchen Mülltonnen und so weiter in der ganzen Nachbarschaft, aber ich bezweifle, daß wir Glück haben. Das hier war schrecklich saubere Arbeit. Und das bringt uns wieder zum Motiv. Hat irgendjemand von Ihnen den Status eines Geheimnisträgers?"

"Wir beide, auf niedrigem Niveau", antwortete Mac. "Alles, was darüber hinausgeht... nun ja, da gibt es Leute, die wir fragen können."

"Dann können Sie ja überprüfen, woran das Opfer gearbeitet hat. Die Geheimdienstabteilung des Verteidigungsministeriums untersucht die Festplatte ihres privaten Rechners, nur für den Fall, daß sie etwas mit nach Hause genommen hat, was sie nicht hätte mitnehmen sollen. Anschließend werden sie uns die zensierte Version überlassen, was auch immer das bringt."

"Satellitendaten", murmelte Harm in Gedanken. "Selbst wenn man etwas geheimhalten wollte, was würde es bringen, den Analysten zu töten? Es hat niemand fehlende oder veränderte Akten gemeldet, stimmt's?"

"Da müßten Sie im J-2-Büro nachfragen, aber ich glaube nicht." Holstrom machte eine unbestimmte Handbewegung. "Wenn Sie uns brauchen, rufen Sie einfach an."

Harm nickte abwesend und begann, die Treppe hinaufzusteigen. Er versuchte, die Stelle zu finden, an der sich Rachel in jener Nacht befunden haben mußte. Vom oberen Ende der Treppe aus konnte man ungefähr die Hälfte der Eingangstür sehen, dazu noch einen Teil des Eingangsbereiches, der zur Küche führte. Sie hätte den Eindringling nur ein paar Sekunden lang gesehen und wäre dann ins Zimmer ihrer Mutter gegangen...

Mac folgte ihm in Rachels Zimmer: das perfekte Schlafzimmer für ein kleines Mädchen, mit fliederfarbenen Wänden und Regenbogengardinen. Harm schaute sich die Auswahl an Büchern an, die auf den Regalen standen, den Plüschteddybären, der auf dem noch immer ungemachten Bett lag... den Bilderrahmen auf ihrer Kommode. Offenbar hatte Rachel ihr Haar und ihre Augen von ihrer Mutter geerbt. Wenn sie einmal alt genug sein würde, mochte jenes Bild das einzige sein, das sie noch mit dem glücklichen Leben verband, das sie einst geteilt hatten.

Einer Eingebung folgend, hob er den Teddy auf und suchte ein paar Bücher aus dem Regal heraus. Auf Macs fragenden Blick erklärte er: "Es kann lange dauern, bis sie hierher zurückkommen kann. Vielleicht würde sie gern ein paar von ihren eigenen Sachen haben."

Seine Partnerin lächelte nur und behielt alle weiteren Fragen im Moment noch für sich. Wenn er das brauchte, um ihr zu helfen, dann sollte das ruhig so sein. Danach zu urteilen, wie sich dieser Fall entwickelte, könnte es das einzige sein, was sie überhaupt tun konnten, um irgendetwas zu ändern.


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Am folgenden Tag

0921 EST
JAG-Hauptquartier

 

"Sir, ich habe ein paar Akten für Sie", verkündete Harriet, als sie mit einem Turm von Aktenordnern in Harms Büro kam. "Ein Kurier vom Pentagon hat sie gerade vorbeigebracht."

"Danke, Harriet. Wenn sie oben auf den Aktenschrank passen, legen Sie sie erst einmal dort ab." Harm wandte seine Aufmerksamkeit vom Monitor ab und rieb sich die Augen. Nach Aussagen von Commander Marks' Vorgesetzten war ihr Spezialgebiet Nordafrika gewesen. Es war jedoch eine beispielhaft nutzlose Anstrengung, darüber hinaus noch irgendwelche Informationen aus ihnen herausbekommen zu wollen. Sie hatten vor, Rachel ein paar weitere Fragen über die Arbeit ihrer Mutter zu stellen, doch wenn man realistisch war, dann lag ihre beste Chance auf sachdienliche Hinweise in jenen Akten verborgen. "Haben sich die NCIS-Typen schon blicken lassen?"

"Hab' sie noch nicht gesehen..." Der Lieutenant brach ab, als sie ein kleines Mädchen bemerkte, das geduldig in der Tür stand. "Bei genauerem Hinsehen, Sir, beantwortet das Ihre Frage?"

Harm folgte ihrem Blick und lächelte. "Hallo Rachel", gestikulierte er, "du bist deinen neuen Freunden wohl weggelaufen, was?"

Rachel zuckte die Schultern und sah dabei nur leicht schuldbewußt aus. [Es ist schwer, mit ihnen zu reden. Ich würde lieber mit dir reden.]

"Okay, aber das nächste Mal sagst du jemandem bescheid, wo du hingehst, okay?" Als sie nickte, hob Harm den Blick. "Das wäre alles, Harriet. Danke."

"Aye, Sir." Harriet trat hinaus ins Großraumbüro. Die harte Realität hatte ihr anfängliches Amüsement gedämpft. Sie hatte von der Ermittlung gehört, und sie fühlte mit dem Kind, wie es nur eine Mutter konnte. Doch Commander Rabb hatte offensichtlich begonnen, zu dem Kind eine vorsichtige Beziehung zu entwickeln. Das war mit Sicherheit ein Schritt in die richtige Richtung.

Im Inneren des Büros teilte Harm seinen Frühstücksbagel in zwei Hälften und bot Rachel ein Stück an. Sie lächelte ein wenig und kaute zufrieden eine Weile daran, während er die E-Mail-Anfrage abschickte, die er geschrieben hatte. Nach ein paar Minuten begann sie, im Büro herumzustreifen und die Bilder auf dem Schreibtisch und an den Wänden anzuschauen. [Ist dein Kind auch taub?] fragte sie plötzlich. [Verstehst du mich deshalb?]

Er sah überrascht auf das Foto, das sie entdeckt hatte, eines von Klein-A.J. an seinem ersten Geburtstag. Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe keine Kinder. Das Baby ist mein Patenkind A.J., und er kann hören. Ich habe die Gebärdensprache wegen eines Freundes gelernt. Vor langer, langer Zeit." Er sagte nichts darüber, daß er am Abend zuvor anderthalb Stunden damit verbracht hatte, sein Gedächtnis aufzufrischen.

Rachel akzeptierte diese Antwort mit einem Nicken und setzte ihren Erkundungsgang fort. Sie schien zu spüren, daß Harm sie beobachtete, aber es störte sie nicht. Sie nahm eine Zeitung in die Hand, die auf einer Ecke des Schreibtisches lag, und betrachtete das Bild auf der Titelseite. [Da hat meine Mom gearbeitet.]

"Das ist das Pentagon", sagte Harm nur. "Sie reparieren es gerade."

[Weil dieses Flugzeug da 'reingeflogen ist?]

"Stimmt. Hat dir deine Mom davon erzählt?"

Sie nickte wieder. [An dem Tag war sie nicht dort. Sie wollte mit mir auf einen Schulausflug mitkommen. Stattdessen sind wir einfach zuhause geblieben, und sie hat viel geweint. Ihre Freunde waren da drin.]

"Ich weiß, wie sie sich gefühlt hat", sagte er leise. Das Schicksal war schon eine seltsame Sache. Alison Marks hatte ihm vielleicht entgehen können, als sie an jenem Tag im September nicht zur Arbeit gegangen war. Aber nur wenige Monate später hatte es sie eingeholt. "Rachel, ich weiß, das bedeutet vielleicht nicht viel, aber du solltest stolz auf deine Mom sein. Sie hat ihr Leben damit verbracht mitzuhelfen, daß wir in Sicherheit sind."

Sie sah ihn ein wenig ungläubig an. [Für dich ist das leicht, so etwas zu sagen. Du hast noch eine Mom, oder?]

"Du auch", entgegnete er ihr bestimmt, während er sich noch fragte, wie er sich in diese Situation gebracht hatte. "Sie wird immer deine Mom sein, egal, was auch passiert. Sie kann nur jetzt gerade nicht bei dir sein. Und du hast recht. Ich habe noch eine Mom, aber ich habe meinen Dad verloren, als ich ein bißchen jünger war, als du jetzt bist. Daher weiß ich auch, daß nichts von dem, was ich dir sagen kann, viel helfen wird. Ich will nur helfen, wie auch immer ich kann."

Rachel spielte einen Moment lang mit ihrem goldbraunen Zopf, bevor sie antwortete. [Ich kann mich an meinen Dad nicht erinnern. Da sind Bilder und Briefe, aber...] Die Gesten verebbten in einem kleinen, hilflosen Schulterzucken. [Wer wird sich jetzt um mich kümmern?]

Harm hatte ihr dreißig Jahre Lebenserfahrung voraus, und er fühlte sich haargenau so hilflos wie sie. "Ich weiß es nicht, mein Schatz", sagte er ehrlich. "Aber wer immer es ist, wird dich genauso liebhaben wie deine Mom und dein Dad. Und für den Augenblick hast du ja wenigstens mich. Okay?"

Wie als Antwort lief sie um den Schreibtisch herum und ergriff seine Hand für einen übertriebenen Händedruck. Gegen seinen Willen mußte er lachen. "Abgemacht. Wir bleiben zusammen." Dann erinnerte er sich an die Bücher, die er aus ihrem Haus mitgebracht hatte. Er griff unter seinen Schreibtisch. "Das hätte ich fast vergessen. Ich hab' ein paar Sachen für dich."

Rachels Augen leuchteten, als sie die Hände nach den Büchern und dem Stoffbären ausstreckte. Sekunden später war sie auf seinen Schreibtisch geklettert und in ein Exemplar von Der samtene Hase [A.d.Ü.: The Velveteen Rabbit] vertieft. Zufrieden schob der Anwalt seinen Schreibtischsessel zurück und begann, die Akten zu überfliegen, die Harriet vorbeigebracht hatte.

"Hey, Harm, hast du zufällig gesehen, wo..." Mac kam zur Tür herein und brach ab, als sie das kleine Mädchen sah, das seinen Schreibtisch okkupiert hatte. "Ach, nicht so wichtig."

Harm lächelte sie verlegen an. "Sorry. Ich wollte in einer Minute zu euch 'rüberkommen. Ehrlich."

"Mach' dir keine Sorgen. Ich wußte, daß sie dich ausfindig machen würde." Mac wandte sich Rachel zu, die ihren geliebten Bären unter dem Arm hatte. "Guten Morgen, Rachel", sagte sie, sorgfältig darauf bedacht, deutlich zu sprechen, ohne zu übertreiben. "Ich sehe, du hast einen Freund gefunden."

Rachel schaute erst den Bären an, dann Harm. [Ich glaube, es sind zwei.]

Mac schaute zwecks Übersetzung zu Harm hinüber und sah, wie seine Gesichtszüge bei Rachels Worten sofort weicher wurden. Sie hatte gedacht, die Tage seiner unmöglichen Kreuzzüge seien vorüber... aber andererseits war das hier anders als jede andere Besessenheit, die sie bei ihm erlebt hatte. Ihr Partner war dabei, sein Herz schwer an dieses kleine Mädchen zu verlieren.

"Okay, laß' uns losgehen. Komm' 'runter, Rach." Er streckte seine Hand aus, die Rachel pflichtschuldigst ergriff und vom Schreibtisch heruntersprang. Als sie in Richtung Konferenzraum gingen, beugte sich Mac zu ihm hinüber, um ein paar private Worte mit ihm zu wechseln.

"Du schuldest mir eine ernsthafte Unterhaltung, Flieger-As. Denkst du, du hast Zeit fürs Mittagessen?"

"Wie sich das hier entwickelt, glaube ich kaum. Wie wär's mit einem Abendessen bei mir? Neunzehnhundert?"

Ihr Herzschlag beschleunigte sich ein wenig bei diesem Vorschlag. Sie hatten in letzter Zeit nicht viel Gelegenheit gehabt, sich außer Dienst zu treffen. Aber seit jener Unterhaltung, die ihre Freundschaft neu definiert hatte, hatten sie irgendwie bestätigt bekommen, daß sie beste Freunde waren, und hinter dieser Tatsache wartete die Aussicht auf noch mehr auf sie. Das Timing war jedoch nach wie vor ein großes Thema. "Was soll ich mitbringen?" fragte sie mit gedämpfter Stimme.

"Nur dich."

Es war genau 18 Uhr 58, als sie an seine Wohnungstür klopfte und ihre Hände rieb, um sie aufzuwärmen. "Es ist offen", rief Harm von drinnen. Sie öffnete sich selbst die Tür und steuerte geradewegs auf die Zentralheizung zu.

"Ich dachte, der Winter wäre so gut wie vorbei. Es ist saukalt da draußen", teilte sie ihm schlicht mit und quetschte sich, so nahe sie konnte, an die Auslaßöffnung für die Warmluft. Er verdrehte zustimmend die Augen, während er die Nudelsauce umrührte.

"Ernsthaft, immer, wenn es so ist, wünsche ich mir, ich wäre zuhause geblieben."

"Du bist zuhause, Seemann."

"Nein, ich meine vor zwanzig Jahren, als ich aus Kalifornien weggegangen bin." Er grinste sie an, und sie mußte lachen. "Sind dir heute nachmittag irgendwelche brillanten Ansätze eingefallen?"

"Nicht wirklich. Alles, was ich weiß, ist, daß Commander Marks eine Autorität in bezug auf Vorgänge mit großkalibrigen Waffen in Nordafrika war. Wir reden hier von Raketentests aller Arten, sowohl von Regierungen, als auch von nicht regierungsnahen Gruppierungen."

"Auch bekannt als Terrorzellen", entgegnete Harm, der die darunterliegende Bedeutung verstanden hatte. "Somalia?"

"Im Moment nicht. Alle scheinen sich eher um bestimmte Regionen in Libyen Sorgen zu machen."

"Die schon wieder?"

"Hey, vielleicht wollen sie sich für das kleine Manöver rächen, mit dem du sie vor all den Jahren durch die Hintertür überrumpelt hast." Mac zog eine Augenbraue hoch und fuhr fort: "Die Sache ist die: Was uns das J-2-Büro 'rübergeschickt hat, haben die so stark zensiert, daß fast nichts mehr zum Lesen übrig ist. Ich verstehe ja, daß man Sicherheit ernstnehmen muß, aber es fühlt sich alles so an, als würden wir mit dem Kopf gegen eine Wand rennen." Langsam begann Mac aufzutauen, und sie zog ihren Mantel aus und legte ihn über die Sofalehne. "Ich bin versucht, Webb anzurufen und zu schauen, ob er nicht ein paar Strippen ziehen kann, so daß wir in die unzensierte Version 'reinschauen können."

"Ich denke, wir können uns das immer noch als letzte Option offenhalten, aber ich stehe schon jetzt mein Leben lang in seiner Schuld." Harm nahm den Topf vom Feuer und begann, die Linguine zu servieren. Mac trat zu ihm an den Tresen, um zu helfen.

"Wo wir gerade davon sprechen, wie geht's denn Sergei?"

"Ziemlich gut soweit. Er findet es klasse, daß er russische Nachbarn hat - er meint, das sei, als ob man das beste aus beiden Welten hätte. Seine Wohnung hat noch ein bißchen Arbeit nötig, also hab' ich ihm versprochen, am nächsten Wochenende 'rüberzukommen und ein bißchen zu helfen." Er reichte ihr mit einem Lächeln ein Glas Mineralwasser. "Es ist lange her, daß wir so etwas gemacht haben", bemerkte er leise.

"Zu lange", stimmte sie zu und stieß mit ihm an. "Komm, ich bin am Verhungern, und das hier duftet wundervoll."

Die Unterhaltung während des Essens war angeregt. Jeder erzählte Prozeßgeschichten und Büroklatsch, den der andere verpaßt hatte, während sie an verschiedenen Fällen gearbeitet hatten. Mac fiel vor hysterischem Lachen fast vom Stuhl, als Harm ihr von Sergeis Zusammentreffen mit Lieutenant Singer erzählte.

"Das ist nicht witzig, verdammt! Mein kleiner Bruder schwärmt für die Königin des Ehrgeizes in der ganzen Navy?"

"Natürlich ist das witzig. Du bist verwünscht, Flieger-As." Mac wischte sich Tränen von der Wange, und ihre Stimme wurde dramatisch. "Die gute Nachricht: Du kriegst deinen Bruder zurück. Die schlechte Nachricht: Du könntest am Ende eine ziemlich interessante Schwägerin haben!"

"Mach' bloß keine Witze darüber! Wenn ich muß, dann befehle ich ihm, sich von ihr fernzuhalten, aber das werde ich, verdammt noch mal, niemals zulassen." Er warf mit einem in der Nähe liegenden Geschirrtuch nach ihr. "Schon allein dafür mußt du mir beim Abwaschen helfen."

"Anders hätte ich es gar nicht haben wollen."

Nachdem sie ein paar Minuten lang still und gemütlich zusammen abgewaschen und abgetrocknet hatten, schaute sie zu ihm hinüber. "Also", begann sie ruhig. "Zeit für die ganze Geschichte. Du hast die Gebärdensprache von einem Schulfreund gelernt. Details?"

Er zuckte die Schultern, und sie konnte sehen, daß das Leuchten in seinen Augen ein klein wenig nachließ. "In dem Jahr, als ich in die achte Klasse kam, machte jeder ein Riesengedöns um diesen tauben Jungen, der zu uns in die Schule kommen sollte. Die Lehrer sind vor lauter Eifer, ihm zu helfen, schon übereinander gestolpert, also haben die Schüler automatisch angenommen, daß er das brauchte. Tat er aber nicht. Ich meine, okay, er brauchte ein bißchen Hilfe, aber er war schlauer als die meisten in der Klasse, und die Leute haben eine Weile gebraucht, um das herauszukriegen. Wie auch immer, ein paar Wochen nach Schulanfang war ich an meinem Spind, und der Feueralarm ging los. Als ich zur Tür ging, sah ich J.J., der einfach an seinem Spind stand, denn er hatte keine Ahnung, was um ihn herum vorging. Ich ging zu ihm und versuchte, ihm klarzumachen, was geschah, und es dauerte gute fünf konfuse Minuten, bis ich einfach zur Wand hinüberging und auf die Alarmglocke zeigte."

"Deshalb sind die Alarmzeichen heutzutage beleuchtet", merkte Mac an.

"Hey, wir hatten die Siebziger. Aber du bringst mich vom Thema ab. Nachdem wir also endlich mit den anderen nach draußen gegangen waren, hat J.J. angefangen, mir etwas zu signalisieren, aber ich hatte keine Ahnung, was er mir sagen wollte. Irgendwann nahm er einen Block aus seiner Tasche und schrieb: ‚Beim nächsten Mal machst du einfach das hier.' Er wollte mir die Geste für Feuer zeigen. Danach ist es von dort einfach weitergegangen. Ich hab' ihm beim Notizenmachen geholfen, weil er ab und zu ein paar Worte verpaßte, wenn er von den Lippen ablas. Und er hat mir geholfen, Chemie zu bestehen, wo ich abgrundtief schlecht war. Als ich schließlich halbwegs geschickt mit den Zeichen umgehen konnte, mußten wir uns nie mehr darum kümmern, hinter dem Rücken des Lehrers Zettelchen auszutauschen. Wir sind aber gelegentlich verwarnt worden, weil wir im Unterricht ‚geredet' hatten."

Sie schmunzelte. "Ich versuche gerade, mir einen fünfzehnjährigen Harmon Rabb vorzustellen, der sich aus allen Problemen einfach mit einem Lächeln herausgewunden hat und vermutlich sogar mit Mord in der Highschool davongekommen wäre."

"Ich bin mit gar nichts davongekommen. Im Gegensatz zu dem, was du vielleicht denkst, war ich nicht wirklich der Goldjunge von East La Jolla High. Besonders, nachdem alle von meinem unerlaubten Abenteuerurlaub im Sommer vor meiner Abschlußklasse gehört hatten."

"Bist du mit deinem Freund irgendwie in Kontakt geblieben?"

Er senkte den Blick und starrte auf die Spüle. "Taubheit war bei weitem nicht J.J.s einziges Problem im Leben. Er ist irgendwann während meines zweiten Jahres in Annapolis gestorben. Herzversagen, technisch gesehen, aber bei seinem Immunsystem hätte es einfach alles sein können."

"Es tut mir leid. Ich hätte nicht davon anfangen sollen."

"Ganz und gar nicht. Er hatte großen Anteil daran, wie ich durch die Highschool gekommen bin. Ich hatte große Probleme, mich ausreichend zu motivieren, um den Standard für die Akademie zu halten, aber wann immer ich aufgeben und in Selbstmitleid zerfließen wollte, schaute ich ihn nur an. Er hätte auf eine Privatschule gehen und sein Leben viel einfacher haben können, aber das wollte er nicht. Er mußte sich für Dinge anstrengen, die mir leichtgefallen sind, aber er hat immer einen Weg gefunden." Er wandte sich leicht in ihre Richtung und sah erstaunt, daß das Schmunzeln wieder da war. "Was denn jetzt?"

"Ich bin nur überrascht, das ist alles. Ich hatte mir dich als Klassensprecher vorgestellt, und als Star-Quarterback und als Homecoming-King, alles auf einmal."

Er verdrehte die Augen. "Ich habe den Schülerrat ausprobiert und gehaßt, hab' im Football-Team auf der Auswechselbank gesessen, und... okay, ich war Homecoming-King, aber..."

Alles andere, was er hätte sagen können, ging in ihrem triumphierenden Gelächter unter. "Ich hab's doch gewußt!" Er spritzte als Antwort Abwaschwasser in ihre Richtung, und sie schlug mit dem Handtuch nach ihm. Bevor sie jedoch einen weiteren Hieb plazieren konnte, bekam er das Ende des Handtuchs zu fassen und zog daran, was sie aus dem Gleichgewicht brachte und direkt in seine Arme fallen ließ. In dieser Position waren sie nur Zentimeter voneinander entfernt.

Nach einem kurzen Innehalten schluckte Mac den Hitzeschwall herunter, die in ihre Wangen gestiegen war. Ihre Stimme war ruhig. "Das hier wird immer schwerer, nicht wahr?"

"Wenn du meinst, es wird immer schwerer zur rechtfertigen, warum ich mich von dir fernhalte, dann stimme ich dir voll und ganz zu." Die Eindringlichkeit dieser Worte und seines Blicks überraschte sie ein wenig. Sie hatte ihn bereits leidenschaftlich gesehen, wenn er mit vollem Einsatz für die Gerechtigkeit gekämpft hatte... aber das hier war eindeutig kein Gerichtssaal. Zum ersten Mal konnte sie sehen, daß das, was er so unbedingt haben wollte, sie war. Wenn sie ein bißchen weniger Marine gewesen wäre, hätten ihre Knie jetzt vermutlich nachgegeben.

"Du weißt, was das gerade jetzt für eine schlechte Idee wäre", erinnerte sie ihn kaum hörbar. "Zwei hochrangige Offiziere, die sich fast jede Woche vor Gericht gegenüberstehen... Gegner bei Tag, zusammen im Bett bei Nacht..."

"Das schreit förmlich nach 'ungebührlichem Verhalten'", gab er zu und trat einen winzigen Schritt zurück. "Ich weiß nur nicht, wie lange ich es aushalte, unsere Leben in der Warteschleife zu halten, bis ein günstigerer Zeitpunkt kommt. Es scheint, als ob... ich weiß nicht, es scheint, als ob unsere Prioritäten vielleicht aus der Perspektive gerutscht sind."

"Harm, wir handhaben das so, weil das hier so wichtig ist, nicht obwohl. Wenn alles, was ich von dir wollte, ein oder zwei Nächte in dem Bett da drüben wären, dann wäre das nicht annähernd so kompliziert." Seine Augen wurden groß, als er sie so beiläufig reden hörte - das war nicht gerade ein Thema, über das sie sich schon tiefergehend unterhalten hatten - aber sie fuhr fort. "Aber das ist nicht alles, was ich will. Wenn wir zusammensein wollen, ich meine, richtig zusammen, dann müssen wir uns etwas ausdenken, wie wir das mit dem Büro besser hinbekommen. Das ist alles, worum es hier geht."

Sie standen ein paar Minuten lang einfach da, jedes Quentchen Willenskraft darauf gerichtet, den kleinen Abstand zwischen ihnen aufrechtzuerhalten. Beide wußten instinktiv, wenn sie sich nur für einen Augenblick gehen ließen, nur für einen Kuß, dann würden die Fluttore offenstehen, und es würde kein Zurück geben. Also standen sie nur da und lasen in den Augen des anderen dieselben Gedanken und Hoffnungen.

Harm ergriff schließlich das Wort, und ein Hauch von Humor kroch in seine Stimme. "Marine, Momente wie dieser bringen mich dazu, ernsthaft darüber nachzudenken, einfach alles hinzuwerfen und die erstbeste Versetzung zu nehmen, die ich kriegen kann. Einfach, damit wir nicht so weitermachen müssen."

"Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst", antwortete sie smart. "Wenn du das tust, könntest du auch als Koch auf irgendeiner Fregatte enden."

"Dann muß ich wohl ein bißchen wählerischer sein. Meinst du, die Patrick Henry nimmt mich zurück?"

Der scherzhafte Ton verschwand augenblicklich, und er bedauerte, daß er die Bemerkung überhaupt gemacht hatte. "Das ist nicht lustig", sagte sie ruhig.

"Du hast recht. Tut mir leid. Jedesmal, wenn wir irgendwie weiterzukommen scheinen, vermassele ich es, indem ich ein Flugzeug mit in den Topf werfe."

"Ist schon gut. Versprich mir nur, daß du ohne einen direkten Befehl vom Generalstab nicht wieder weggehst."

"Solange du das Gleiche tust", antwortete er ernst.

Das Telefon unterbrach sie, und Harm fluchte im Stillen, als er nach dem Hörer griff. "Hallo?" Die Art und Weise, wie er sofort blaß wurde, als er die Antwort hörte, verriet ihr, daß es kein freundschaftlicher Anruf war. "Wann? In Ordnung, geben Sie mir die Adresse, und wir sind in fünfzehn Minuten da."

"Was ist passiert?" fragte Mac alarmiert.

"Das war Agent Faulkner. Jemand hat gerade versucht, in das Haus der Polizeibeamten John und Lisa Harper in Rosslyn einzubrechen."

Es gab nur einen möglichen Grund, warum diese Information für sie relevant sein konnte. "Rachel?"

Harm nickte grimmig. "Es geht ihnen allen gut, aber der Eindringling ist unerkannt entkommen. Wie groß ist die Chance, daß das ein Zufall war?"

"Nicht sehr. Wir sollten besser 'rüberfahren." Sie hob ihren Mantel auf, aber seine Hand auf ihrem Arm stoppte die Bewegung.

"Wir beenden diese Unterhaltung irgendwann, nicht wahr?" fragte er vorsichtig.

"Irgendwann", versprach sie mit einem leisen Lächeln. "Komm. Nehmen wir besser dein Auto, falls die Straßen überfrieren."


*******************************


Es stand nur ein Polizeiwagen in der Auffahrt der Harpers, und da er den Bewohnern gehörte, blinkten seine Lichter selbstverständlich nicht. Obwohl die Straße scheinbar ruhig war, herrschte jedoch eine Menge Aktivität im Innern des Hauses. Zwei Polizeibeamte und zwei NCIS-Agenten durchsuchten den ersten Stock bereits nach Beweisen, als die JAG-Offiziere ankamen. Harm und Mac stellten sich Lisa Harper vor, die ihnen die Ereignisse des Abends schilderte.

"Rachel und ich haben im Wohnzimmer ‚Cinderella' geguckt, als ich von der Garagentür her ein Geräusch hörte. Ich rief nach John, der oben war, einfach, um sicherzugehen, aber dann hörte ich, wie sich die Tür tatsächlich öffnete. Also zog ich Rachel mit mir hinter die Couch, und John kam mit seiner Waffe die Treppe herunter. Sobald der Typ das sah, ist er wie der Blitz wieder abgedampft."

"Hat irgendwer von Ihnen einen guten Blick auf ihn erhaschen können?"

Sie schüttelte den Kopf. "Diesmal hatte er eine Maske auf. Ich glaub', er ist nicht dumm."

"Wo ist Rachel?" fragte Mac.

Lisa seufzte. "Seit das passiert ist, ist sie nicht aus ihrem Zimmer herausgekommen. Sie hat nichts von alldem gehört, was vorgefallen ist. Alles, was sie weiß, ist, daß ich sie 'runtergezogen habe - und dann hat sie John mit der Waffe gesehen und..."

Harm nickte verständnisvoll. Waffen wurden langsam ein sich ständig wiederholendes Thema im Leben des armen Mädchens. "Ich denke, wir können davon ausgehen, daß kein normal denkender Einbrecher versuchen würde, ein Haus auszurauben, wo in der Auffahrt ein Polizeiwagen steht. Wenn sich nicht einer von Ihnen in letzter Zeit irgendwelche gefährlichen Feinde gemacht hat, müssen wir annehmen, daß wer immer Commander Marks getötet hat, versucht, ein paar nötige Nacharbeiten zu machen."

"Wir müssen über eine sichere Bleibe für Rachel nachdenken", stimmte Faulkner zu. "Oder wenigstens über ein paar verstärkte Sicherheitsmaßnahmen."

"Commander, könnten Sie Rachel nicht helfen, sich zu beruhigen?" schlug Lisa vorsichtig vor. "So wie es aussieht, sind Sie alles, worüber sie redet, seit sie hier ist."

Als sie das hörte, zog Mac eine Augenbraue hoch, aber Harm tat so, als hätte er es nicht bemerkt und nickte. "Ich werd' mein Bestes tun." Er ging durch das Wohnzimmer zur Schlafzimmertür, wo John Harper still Wache schob. Der andere trat zur Seite und ließ ihn eintreten.

Rachel lag neben dem Bett auf dem Boden zusammengekauert, das Gesicht in ihren geliebten Teddy vergraben. Harm kniete sich neben sie hin. Als er sie sanft am Arm berührte, versuchte er, sie nicht zu erschrecken. Sie sah auf, und als sie ihn erkannte, erschütterte ihn die schiere Dimension ihrer verzweifelten Hoffnung. Sie denkt im Ernst, daß ich sie beschützen kann, wurde ihm klar. Gott, ich hoffe, sie hat recht.

"Für den Moment ist alles vorbei, Rachel", gestikulierte er schlicht, als sie sich in seine Arme warf. Er blieb ein paar Minuten lang mit ihr so sitzen, streichelte ihr weiches Haar und bat den Himmel um ein Zeichen, wie er sich verhalten sollte. Als sie sich schließlich zurückzog, waren ihre Hände ruhig.

[Ich will hier nicht bleiben.]

"Ich weiß, mein Liebling. Wir werden uns etwas anderes überlegen. Warum packst du nicht deine Sachen ein?" Er stand auf, aber sie zog ihn am Ärmel.

[Kann ich mit dir mitkommen?]

Erstaunt suchte er einen Moment lang nach den richtigen Zeichen. "Wohin willst du mit mir mitkommen?"

[Wo immer du wohnst. Bitte... Ich verspreche, ich bin ganz brav.]

"Ich weiß, daß du brav bist. Das ist nicht das Problem. Ich..." Er hielt inne und nahm sich kurz Zeit zum Nachdenken. Was für eine Ausrede wollte er ihr auftischen? Daß er nicht den Schimmer einer Ahnung hatte, was er mit einer Siebenjährigen anfangen sollte? Daß er genug andere Dinge hatte, über die er sich Sorgen machte? Diese Antworten waren nicht gut genug. Sie brauchte jemanden, und dieses eine Mal würde er eben jemanden anderes über sich selbst stellen müssen. "Ich geh' und frage die Agenten, okay?"

Mit einem heftigen Nicken sprang sie auf und begann, ihre wenigen Habseligkeiten in ihren kleinen Rucksack zu packen. Harm seufzte und fragte sich bereits, auf wie viele Arten er das wohl bereuen würde, als er ins Wohnzimmer zurückging.

"Wir haben Kontakt zu einer sicheren Wohnung des FBI gerade über die Grenze nach Maryland aufgenommen", berichtete Faulkner. "Die können Rachel erst einmal aufnehmen."

"Agent Faulkner, ich weiß, das ist extrem unorthodox, aber was, wenn ich sie mit zu mir nach Hause nehmen würde?"

Macs Kopf drehte sich überrascht in seine Richtung, aber sie sagte nichts. Holstrom schüttelte bereits den Kopf. "Nach D.C.? Auf keinen Fall."

"Wir könnten eine Wache vor dem Gebäude postieren, und tagsüber könnte sie mit zu JAG kommen. Keine sichere Wohnung ist so sicher wie eine militärische Einrichtung."

"Commander, ich weiß es zu schätzen, daß Sie sich so für diesen Fall einsetzen, aber das ist keine gute Idee. Lassen Sie das FBI sich um sie kümmern. Sie wird nicht weit weg sein."

"Nein!"

Alles im Raum stand plötzlich still, als die Erwachsenen zum ersten Mal Rachels Stimme hörten. Das Wort war nicht wirklich deutlich gewesen, aber es war klar, was sie meinte, wie sie dort im Türrahmen stand, getrieben von Entschlossenheit, die aus Furcht und Hoffnung geboren war. Auch wenn sie nicht in der Lage gewesen sein mochte, jedes Wort der Unterhaltung von den Lippen zu lesen, hatte sie begriffen, wo es langging. [Ich gehe mit denen da nirgendwo hin. Es ist mir egal, was die sagen.]

"Rachel, sie wollen doch nur helfen", setzte Harm an, aber sie schüttelte den Kopf und sah mit flehendem Blick zu ihm auf.

[Du hast es versprochen, Harmon. Du hast gesagt, wir bleiben zusammen. Bitte, laß' mich nicht allein.]

Damit fiel seine Verteidigung in sich zusammen, und er nahm sie auf den Arm. Sie lehnte sich an und legte ihren Kopf auf seine Schulter. Er wandte sich wieder den Agenten zu. "Sie kommt mit zu mir, Leute. Sie können mir entweder helfen und das Marine Corps wegen der Bewachung anrufen, oder Sie können morgen früh mit meinem Kommandeur über Disziplinarmaßnahmen reden. Ich bezweifle, daß er sehr angetan wäre, wenn Sie ihn jetzt anrufen."

Nach dieser überflüssigen Feststellung gaben die Agenten klein bei und begannen, eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung für Harms Haus zu organisieren. Wenig später schnallten Harm und Mac Rachel auf dem Rücksitz seines Lexus an. Sobald sie unterwegs waren und Rachel aus dem Fenster sah, ergriff Mac schließlich das Wort. "Ich wollte dir da drinnen nicht in den Rücken fallen, aber ich kann's genauso gut auch jetzt sagen. Hast du eine Ahnung, was du da tust?"

"Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Aber... Gott, Mac, ich konnte sie so nicht gehen lassen... Als ich vor drei Jahren am Fall Lewis gearbeitet habe, hat mich Jordan davor gewarnt, Darlyns Leben ständig durcheinanderzubringen, indem man sie ständig weiterreichte."

"Das ist nicht dasselbe. Rachel ist nicht so mißbraucht worden wie Darlyn. Sie ist stärker."

"Sie ist auch sieben Jahre alt, und genau in diesem Moment gibt es in ihrem Leben nichts, was ihr das Gefühl von Sicherheit gibt. Außer mich, aus irgendeinem merkwürdigen Grund. Irgendwer muß eine Konstante für sie sein, Mac. Irgendwer muß sich um sie kümmern. Warum also nicht ich?"

"Das ist aber nicht alles. Du bist dir über das Risiko im klaren, dem du dich selbst aussetzt, wenn du sie bei dir behältst, ja? Wenn dieser Typ ein Kind umbringen würde, dann wird es ihn, verdammt noch mal, nicht um den Schlaf bringen, wenn er noch einen Marineoffizier tötet."

"Ich weiß. Aber diesmal wartet wenigstens ein fairer Kampf auf ihn."

Sie seufzte. "Ich habe immer noch Sorge, daß du das alles zu nah an dich heranläßt", antwortete sie ruhig und ernst. "Aber du bist ein großer Junge, und ich bin bereit, einen Schritt zurückzutreten und dich tun zu lassen, was du tun mußt. Laß' mich einfach ein bißchen paranoid sein, okay?"

Er lächelte sie verständnisvoll an, streckte den Arm aus und berührte ihre Hand. "Mac, ich kann dir nicht erklären, warum ich das hier tun muß oder warum ich so sicher bin, daß ich es kann. Ich fürchte, da wirst du mir einfach vertrauen müssen."

"Das tue ich immer, Flieger-As."

Als sie an seiner Wohnung ankamen, umarmte sie ihn flüchtig und winkte Rachel zur guten Nacht. Dann ging sie zielstrebig über die Straße, um den soeben eingetroffenen Marine-Sicherheitsbeamten zu instruieren. Rachel kletterte aus dem Wagen, schob ihre kleine Hand in Harms und war froh, ihm überall hinzufolgen, wo er hingehen würde.

So, was nun? konnte der Anwalt nicht umhin, sich zu fragen, als sie mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren. Seine Erfahrungen mit Kindern waren bestenfalls begrenzt: Klein-A.J. und Josh Pendry waren die Hauptereignisse, und Josh konnte man nicht eben als Bombenerfolg werten. Er war sich sehr wohl bewußt, daß seine Vergangenheit ihn nicht eben als jemanden auswies, der für andere verantwortlich sein konnte, schon gar nicht für eine Siebenjährige mit besonderen Bedürfnissen. Aber er meinte, was er zu Mac gesagt hatte. Irgendwie sagte ihm etwas, daß dieses Kind ihn genau jetzt brauchte, und nur ihn.

Rachel schaute sich neugierig in der Wohnung um und ging ein wenig auf Entdeckungsreise, als er ihre Mäntel aufhing. Aus der Richtung seines Schreibtischs hörte er ein Kichern. Er blickte hinüber und sah, daß sie sein neues Gebärdensprache-Wörterbuch hochhielt. [Erwischt.]

Harm zuckte die Schultern, nur wenig verlegen. "Na ja, ich trau' meinem Gedächtnis nicht. Ich wollte keine Fehler machen, so daß du mich auslachst, oder?"

[Du bist schon ein paarmal ganz schön durcheinandergekommen. Aber ich wußte, was du gemeint hast. Außerdem bist du der einzige, der's versucht.]

Er wuschelte ihr liebevoll durchs Haar. "Es ist spät. Sehen wir zu, daß wir dich bettfertig kriegen, okay?"

Während sie sich die Zähne putzte und ihr Nachthemd anzog, holte er die Zusatzdecken und -kissen heraus, die bis vor kurzem noch Sergei benutzt hatte. Zugegeben, es machte nicht viel Sinn, ein kleines Mädchen in einem extragroßen Bett unterzubringen, während ein 1,95-Mann auf der Couch schlief, aber er würde ihr ein richtiges Bett nicht vorenthalten.

[Darf ich eine Lampe anlassen?] fragte Rachel schüchtern, als sie ins Bett kletterte und die Decke hochzog.

"Sicher. Wie wär's denn so?" Er machte die Badezimmerbeleuchtung an, kam wieder zurück und setzte sich neben sie. "Alles in Ordnung?"

Sie nickte und rutschte auf dem Kissen zurecht. [Du und Mac, ihr paßt gut zusammen], stellte sie so beiläufig fest, daß er zweimal über seine Übersetzung nachdenken mußte.

"Du hast bemerkt, daß ich sie Mac nenne, was?"

[Ich kriege eine Menge mit. Zum Beispiel, wie du immer ganz nah bei ihr stehst, wenn du denkst, es guckt keiner.]

"Du bist manchmal ganz schön raffiniert, weißt du das?" neckte er sie im Versuch, dem Thema auszuweichen.

[Bin ich nicht. Ich seh' einfach mehr Dinge, weil ich sie nicht hören kann. Ist Mac deine Freundin?] insistierte sie.

Harm seufzte. "Das ist im Moment nicht so ganz klar", erzählte er ehrlich. "Sie ist meine beste Freundin, und ich wünschte, sie wäre meine Freundin, aber das ist nicht leicht, weil wir Arbeitskollegen sind."

[Es ist nicht leicht, weil ihr Offiziere seid? Mom hat gesagt, Offiziere können nicht immer das tun, was sie wollen, wegen der Regeln und so.]

"Das ist ein großer Teil des Problems. Ich denke, wir kriegen das irgendwie hin. Aber jetzt ist es Zeit, schlafen zu gehen."

Es war erst 22 Uhr, also zog er ein Paar bequeme Jogginghosen an und ging hinüber zu seinem Schreibtisch, um die Akten durchzusehen, die er mit nach Hause genommen hatte. Commander Marks hatte an einer Handvoll miteinander verzahnter Projekte gearbeitet, hatte Bewegungen und Operationen einiger bestimmter Gruppen mit Lagern in der Sahara beobachtet. Die meisten waren relativ gut bekannte Zellen, Gruppen, die das Verteidigungsministerium schon lange vor Beginn des ‚Kriegs gegen den Terror' beobachtet hatte. Einige jedoch waren ihm unbekannt. Es gab wenige Hinweise, die ihm hätten helfen können festzulegen, welcher der Fälle Marks' wichtigster gewesen war: Die Geheimdienstkaste traute sich nicht, derlei Informationen einem niederen JAG zu überlassen. Vermutlich würde er am Ende doch Webb anrufen müssen.

Er lehnte sich im Sessel zurück und versuchte, im Geiste ein paar Stücke zusammenzusetzen. Die wichtigsten Dinge zuerst. Warum jemanden töten? Außer für Geld oder aus Zorn war das wahrscheinlichste Motiv, jemanden zum Verstummen zu bringen. Sie hatten sie davon abhalten müssen, irgendetwas zu sagen oder zu tun. Was war das Gefährlichste, was ein Geheimdienst-Analyst tun konnte? Ein Geheimnis enthüllen. Und die wichtigste Frage von allen: Wessen Geheimnis konnte das sein? Wahrscheinlich jemand, der mit einer oder mehreren der Terrorgruppierungen zu tun hatte...

Eine beängstigende Möglichkeit tat sich plötzlich auf. Wer immer Commander Marks getötet hatte, war hier, nicht in der nordafrikanischen Wüste, und er hatte genug Informationen gehabt, um Rachel im Haus der Harpers ausfindig zu machen. Ein gut ausgebildeter ausländischer Agent könnte es sicherlich gewesen sein, aber das hier fühlte sich nicht wie ein typischer Terrorplan an. Was, wenn der Killer Amerikaner war? Könnte das enthüllte Geheimnis die Existenz eines Verräters gewesen sein?

Nette Theorie, dachte er mit einem Anflug von Sarkasmus. Vollkommen aus der Luft gegriffen. Wo zum Teufel würde ich überhaupt anfangen, das zu beweisen?

Sein Gedankengang wurde schroff unterbrochen, als er ein paar unterdrückte Schluchzer aus dem Schlafzimmer hörte. Mit langen Schritten ging Harm zum anderen Ende der Wohnung und fand Rachel als eng zusammengekauerten Ball unter der Bettdecke. Als sie sein Gewicht neben ihr auf dem Bett spürte, schaute sie auf. "Was ist los, Liebes?" fragte er und kannte die Antwort schon.

[Tut mir leid], gestikulierte sie halbherzig mit einem Schniefen. [Ich versuche, tapfer zu sein, versprochen.]

"Das muß dir nicht leid tun", sagte er bestimmt. Er hob ihr Kinn an, so daß ihr Blick seinem begegnete. "Glaub' mir, Rachel, du mußt dich niemals dafür entschuldigen, was du empfindest. Wenn du traurig bist, oder ängstlich, ist das in Ordnung. Du mußt nichts verstecken, besonders nicht vor mir, okay?"

Sie schaute einen Moment lang nach unten. [Ich bin eher traurig als ängstlich im Moment, glaub' ich], gestand sie.

"Komm her, mein Liebling." Er nahm sie in die Arme und wiegte sie beschützend für ein paar Minuten. Als sie ihren Kopf in seine Armbeuge schmiegte, wurde ihm bewußt, daß sich diese Geste ganz natürlich und gut anfühlte. Er hatte den Gedanken, Kinder zu haben, immer schon tief verborgen mit sich herumgetragen. Aber über die Jahre schien er sich immer tiefer und tiefer zurückgezogen zu haben, verdrängt von der Karriere und einer ganzen Reihe anderer Unsicherheiten. Jetzt stellte er - soweit er sich erinnern konnte - zum allerersten Mal fest, daß er sich selbst tatsächlich in dieser Rolle sehen konnte.

Rachel drehte sich um und berührte seine Wange, um sich seiner Aufmerksamkeit sicher zu sein. [Ich kann dich doch um alles bitten, stimmt's?]

"Sicher", antwortete er, ein wenig erstaunt.

Sie wirkte fast schuldbewußt. [Kannst du heute nacht hierbleiben?]

Als er in ihre ernsten blauen Augen schaute, wurde Harm schnell klar, daß dieses kleine Mädchen ihn ganz leicht um den kleinen Finger wickeln konnte.

"Na, klar bleib' ich hier."

Er schlüpfte neben ihr ins Bett und legte sich auf den Rücken. Sofort kuschelte sie sich an seinen Arm, und er zog die Bettdecke bis an ihr Kinn hoch. Als er die Augen schloß und versuchte, Ruhe zu finden, war sein letzter bewußter Gedanke, daß das hier eine entschieden neue Erfahrung war.


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Am nächsten Morgen wachte er vom ununterbrochenen Summen seines Weckers auf und bemerkte sofort, wie steif sein Körper war. Das hab' ich jetzt davon, daß ich mich so leicht überreden lasse, grummelte er im Stillen und streckte sich, um den Wecker auszuschalten. Rachel hatte natürlich durch das Weckerklingeln hindurchgeschlafen, und aller Ärger, den er anfangs verspürt hatte, verflog sofort, als er auf ihr friedvolles Gesichtchen hinunterschaute. Herrje, ich bin jetzt schon ein hoffnungsloser Fall. Vorsichtig, um sie nicht zu stören, rollte er sich aus dem Bett und ging zur Dusche.

Etwa zwanzig Minuten später kam sie aus dem Schlafzimmer und rieb sich schläfrig ihre Augen. Harm lächelte ihr vom Herd aus zu und stellte seine Kaffeetasse ab, um sie zu begrüßen. "Guten Morgen. Ich wollte dich noch ein bißchen länger schlafen lassen."

[Ich hab' die Pfannkuchen gerochen], entgegnete sie schüchtern. [Ich liebe Pfannkuchen.]

"Nun, du hast Glück, denn zufällig bin ich Meister im Pfannkuchenbacken." Er hob sie auf einen der Barhocker und stellte ihr lächelnd einen Teller hin. Sie bedachte ihn mit dem breitesten Lächeln, das er von ihr bisher gesehen hatte, und machte sich über ihr Frühstück her.

Während er sie beobachtete und seinen Kaffee trank, fragte er sich, wie lange dieses Arrangement wohl gehen mochte. Er würde mehr von Rachels Kleidern aus ihrem Haus holen müssen, vielleicht auch ein paar neue Bücher - den ganzen Tag im JAG-Hauptquartier herumzuhängen, würde ihr bestimmt bald langweilig werden. Vielleicht waren ein paar Spiele auf seinem Computer oder etwas in der Art. Hatte er sich Bud nicht einmal vorgeknöpft, weil er Solitär gespielt hatte?

Als sie mit ihren Pfannkuchen fertig war, kletterte Rachel vom Stuhl und trug brav ihren Teller hinüber zur Spüle. Er sammelte die Akten vom Schreibtisch, während sie sich umzog und wusch, und zehn Minuten später war sie zurück im Wohnzimmer, in der Hand eine Haarbürste und ein Haargummi. [Kannst du mir die Haare flechten?] fragte sie unschuldig.

Wie jeder gute Seemann kannte Harm ungefähr ein Dutzend verschiedene Arten, Knoten zu machen, aber das hier war keine Sache, die in Annapolis beigebracht wurde. "Sorry, Rach, ich weiß nicht, wie das geht. Können wir heute einen Pferdeschwanz machen?" Sie zuckte die Schultern, und er folgte ihr ins Badezimmer. Er stand hinter ihr vor dem Spiegel, nahm das Gummiband - wie hießen diese Dinger, Scrunchies? - und begann, ihr Haar in den ordentlichsten Pferdeschwanz zurückzukämmen, zu dem er fähig war. Seine Finger verhedderten sich etwas, und er wurde stocksteif. Er hoffte, er hatte ihr nicht wehgetan, aber sie lächelte nur.

[Mom zieht immer viel mehr als so.] Ihr Lächeln verblaßte sofort, als sie sich erinnerte, weshalb ihre Mutter nicht da war, um ihr die Haare zu kämmen oder ihr das Frühstück zu machen. Aber dieses Mal gab sie nicht nach. Sie starrte schlicht geradeaus in den Spiegel.

Harm seufzte und befestigte den Gummi um ihre Haare. "Ich werde heute jemanden bitten, mir zu zeigen, wie man flicht, okay?" Sie nickte und kletterte auf den Toilettensitz, um ihn auf die Wange zu küssen. Überrascht und mehr als nur leicht gerührt umarmte er sie und half ihr herunter. "Rachel, du mußt das liebste und wohlerzogenste kleine Mädchen sein, das ich je kennengelernt habe."


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"Guten Morgen, Commander", rief Harriet ihm fröhlich zu, als er und Rachel das Großraumbüro betraten. "Colonel Mackenzie sagte, Sie würden Ihren Gast mitbringen. Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"

"Sie sind meine Rettung, wie immer. Harriet Sims, das ist Rachel Marks. Rachel, das ist Harriet. Wenn ich 'mal für eine Weile weg muß und du etwas brauchst, dann kannst du sie fragen, in Ordnung?" Er hielt inne und drehte sich zu ihr um. "Ist das okay, wenn sie Sie Harriet nennt?"

"Absolut. Hallo Rachel." Das Mädchen winkte höflich und hielt sich dicht an ihren Fürsorger. Harriet lächelte. "Weißt du, da sind ein paar Schokoladen-Donuts in der Küche. Magst du einen haben?"

Rachels Augen leuchteten auf, aber Harm sah sie mißbilligend an. "Mmm-mmm. Du hast gerade erst Pfannkuchen zum Frühstück gegessen. Du kriegst ja noch einen Zuckerschock." Sie verdrehte die Augen und grinste verlegen. "Warum gehst du nicht in mein Büro und liest dein Buch, okay?"

Harriet sah ihr nach, als sie ging, und schüttelte den Kopf. "Und, wie schlagen Sie Sich, Sir?"

Harm zog eine Augenbraue hoch. "Wieso? Wie sehe ich denn aus?"

"Ehrlich gesagt, Sir, Sie sehen aus wie Bud, als er das erste Mal allein auf A.J. aufgepaßt hat. Ziemlich k.o., aber glücklich."

"Ich denke, das trifft es ziemlich gut. Sie ist wirklich faszinierend, Harriet."

"Das sind sie immer, Sir." Der Lieutenant lächelte ihm wissend zu und ging wieder an die Arbeit. Sie hätte niemals gedacht, daß ausgerechnet Harmon Rabb in der Lage war, einen halbwegs ordentlichen Pferdeschwanz hinzukriegen.

Harm hatte ungefähr vier Schritte in Richtung seines Büros gemacht, als Mac sich ihm strategisch in den Weg stellte. "Ich hab' ein paar Dinge mit dir zu besprechen", teilte sie ihm mit und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung ihres eigenen Büros. "Fünf Minuten?"

Mit einem raschen Blick stellte er sicher, daß Rachel brav an seinem Schreibtisch saß, und folgte seiner Partnerin. "Sie muß wirklich nicht hier mit hineingezogen werden", sagte Mac. "Aber ich habe Webb gestern nacht angerufen..."

Harm zog eine Augenbraue hoch. "Oh, hast du?"

Sie sah nur ansatzweise schuldbewußt aus. "Ich weiß, daß du ihn nicht selbst fragen wolltest, weil er so viel für Sergei getan hat. Wir haben uns einfach eine Weile unterhalten, und er hat mich inoffiziell auf eines der Gebiete hingewiesen, das Commander Marks überwacht hat. Er sagt, es gebe, Zitat, ‚erhebliche Besorgnis', Zitat-Ende, über eine Gruppierung, die sich selbst Kharasala nennt."

"Libysch, wie wir vermutet haben?"

"Ihre Zentrale ist dort, aber sie sind eine Art Melange von mehreren sehr unangenehmen Typen. Einige aus der Führungsetage haben Verbindungen zum Gaddhafi-Regime. Da kriegen sie vermutlich ihre Waffen her."

"Was haben die für ein Problem mit uns?"

"Das übliche fundamentalistische Zeugs vermutlich, aber wer weiß das schon? Wir haben nicht viel mehr als das, aber es verschafft uns wenigstens einen Ausgangspunkt."

Er nickte mit einem dankbaren Lächeln. "Danke. Ich hätte Webb wohl schon eher anrufen sollen. Hör' 'mal, ich hab' gestern abend darüber nachgedacht, was genau Marks zur Zielscheibe gemacht hat, und ich habe mich gefragt... meinst du, der Killer könnte vielleicht Amerikaner sein?"

Sie blinzelte erstaunt, aber es gab nur sehr wenig, was diese Frau wirklich erschreckte. "Einer, der mit diesen Verrückten zusammenarbeitet? Ich denke 'mal, es ist alles möglich."

Mittlerweile war Rachel rastlos geworden und verließ das Büro, um die Vorgänge im Großraumbüro zu beobachten. Sie stand nahe am Kopierer und sah neugierig zu, wie ein Dutzend verschiedener Offiziere eilig ihren Pflichten nachgingen.

Lauren Singer kam auf ebenjenen Kopierer zu, Hunderte von Gedanken gleichzeitig im Kopf. Sie war schon jetzt zu spät dran, und das Kind, das ihr da im Weg stand, war auch nicht gerade hilfreich. "Entschuldige", fuhr sie es an, und ihre Ungeduld wuchs, als das Mädchen nicht antwortete. "Hallo? Entschuldige!" Immer noch nichts, und sie streckte die Hand aus und schüttelte sie nicht allzu sanft an der Schulter. "Hey! Hat dir keiner Manieren beigebracht?"

Erschrocken starrte Rachel die verärgerte Offizierin mit großen Augen an. "Lieutenant!" rief Harm scharf, dessen Aufmerksamkeit sofort auf den Vorfall gelenkt wurde. "Haben Sie Sich einmal überlegt, daß sie Sie vielleicht nicht absichtlich ignoriert?"

Rachel folgte Singers Blick und begann, Harm etwas zu signalisieren. Er schüttelte den Kopf. "Alles in Ordnung, Rachel", gestikulierte er zurück und warf Singer einen wütenden Blick zu. "Paß' einfach ein bißchen auf, okay?"

Der überraschte Lieutenant murmelte ein schnelles "Entschuldigung, Sir." und entschied, den Kopierer am anderen Ende des Raums zu benutzen. Rachel zog hinter ihrem Rücken ein Gesicht, und Harm verdrehte die Augen, während er sein Lächeln unterdrückte.

"Sei nett, Rach."

Sie gestikulierte flink und bemerkte, Singers Dutt könnte vielleicht zu straff sein. Er antwortete mit leiser Mahnung, sie solle an ihre Manieren denken. Seine Gebärdensprach-Fertigkeiten kamen nun allmählich zurück, und er bemerkte fast nicht, daß er aufgehört hatte, laut mitzusprechen. Mac stand im Türrahmen und beobachtete ihn amüsiert und nicht ohne eine Spur von Stolz. Ihr Pilot machte das ziemlich gut.

Admiral Chegwidden kam aus seinem inneren Büro heraus und bemerkte die stille Unterhaltung, die sich in der Ecke abspielte. Als er sie beobachtete, ergriff das kleine Mädchen die Hand seines ranghöchsten Anwalts und zog ihn zurück in sein Büro. Harm lachte nur, als er fortgeschleift wurde. Der Admiral gesellte sich zu Mac und verschränkte die Arme. "Colonel, sieht das für Sie wie dieselbe Person aus, die vor zwei Tagen hier hereinkam?"

"Welche Person, Sir? Rachel oder Harm?"

"Suchen Sie Sich eine aus. Ich wollte ihm gerade die Leviten lesen dafür, daß er sie zu sich mitgenommen und den NCIS verärgert hat. Aber ich fange an, mir das noch einmal zu überlegen."

Sie lächelte. "Wenn Sie meine Meinung dazu hören wollen, Admiral, ich denke, sie tun sich gegenseitig gut. Ich hoffe nur, daß er weiß, worauf er sich da eingelassen hat."

"Wenn Sie meine Meinung hören möchten", gab er zurück, "Commander Rabb weiß immer, worauf er sich einläßt, und eigentlich entscheidet er sich dann immer, es trotzdem zu tun."

"Das klingt ja so, als ob Sie meinen, er müßte an die Leine gelegt werden, Sir."

"Nein, er braucht nur jemanden, der ihn zur Vernunft ermahnt und ihn gelegentlich auf den Hinterkopf klopft. Aber - dafür hat er ja Sie, stimmt's?"

Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg zum Fahrstuhl und ließ einen ziemlich verdutzten Marine zurück.


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Die folgenden Tage hindurch nahmen die Partner jeden Fetzen Information auseinander, den sie über die geheime Terrorgruppe finden konnten, die sich Kharasala nannte. Entweder durch Betteln, Fordern oder lautstarkes Betonen nationaler Sicherheitsinteressen bekamen sie die J-2-Offiziere dazu, ihnen Einsicht in die neuesten Aufklärungsdaten zu gewähren, die über die vermuteten nordafrikanischen Trainingsgebiete der Gruppe gesammelt worden waren. Doch noch immer deutete wenig auf größere Waffenansammlungen in der Region hin oder darauf, daß irgendein Anschlag bevorstand. Noch immer hatten sie kein offensichtliches Motiv für den Mord an der Analystin.

In der Zwischenzeit bemerkte Mac die wachsende Anspannung, unter der ihr bester Freund litt. Sie wußte, daß sie nicht nur davon kam, daß er die ganze Woche über auf der Couch geschlafen hatte. Harm kämpfte darum, die Bedrohung von Rachels Leben auszuschalten und dennoch ihre Tage so fröhlich wie möglich zu gestalten. Ein komplexes Unterfangen. Sie hatte einen Abend mit den beiden in Harms Apartment verbracht, und trotz ihrer anfänglichen Unsicherheit wegen der Gebärdensprach-Barriere hatte sie sich schnell in den Bann des kleinen Mädchens gezogen gefühlt. Rachel war offensichtlich sehr schlau, und sie hatte sich bemerkenswert gut in ihre neue Umgebung eingelebt. Ab und zu erinnerte irgendetwas sie jedoch an die Realität, der sie ausgesetzt war, und ihre Herzen brachen aufs Neue über das Unglück der Kleinen.

Mac war eines Morgens mit Harriet am Plaudern, als ein schriller Schrei aus der Damentoilette kam. Harriet eilte hinüber und öffnete die Tür, und eine schluchzende Siebenjährige fiel ihr fast aus dem Waschraum entgegen und rollte sich an der Wand zu einem Ball zusammen.

"Was meinen Sie, was passiert ist?" fragte Mac alarmiert. Das Mädchen sah nicht verletzt aus, aber...

Harriet kniete sich neben die noch immer hysterisch schluchzende Rachel, unsicher, wie sie sie trösten sollte. "Jemand muß übersehen haben, daß sie da drin war, und das Licht ausgemacht haben."

Mac verstand sofort. Unfähig zu sein, zu hören und zu sehen, nach alldem, was ihr ohnehin schon passiert war... Sie bemerkte, daß Rachel durch ihre Tränen etwas gestikulierte. Sie berührte ihre Schläfe wiederholt mit dem Daumen. Harriet zuckte hilflos die Schultern. "Ma'am, meinen Sie, sie fragt vielleicht nach dem Commander?"

Mac erhob die Stimme und beschloß, sich nicht darum zu scheren, ob sie irgendetwas unterbrach. "Harm! Sofort!"

Harm streckte den Kopf aus seinem Büro, und er brauchte nicht lange, um die Situation zu erfassen. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, rannte er durch das Großraumbüro und schloß Rachel in die Arme. "Ist ja gut, Liebling", murmelte er wieder und wieder, bis die Schluchzer verebbten. "Ist ja gut, ich bin ja da."

Die versammelte Mannschaft schaute nur fasziniert zu. "Sir, kann sie Sie hören?" fragte Harriet zweifelnd.

"Sie kann es spüren, denke ich." Er machte eine Kopfbewegung, die auf den Kopf des Kindes wies, der an seiner Brust ruhte. "Wie auch immer, der Gedanke zählt."

Er stand auf und hob sie mühelos hoch. "Entschuldigen Sie die Störung, alle miteinander", bat er mit einem Lächeln um Verständnis. "Wir ziehen uns für ein Weilchen zurück." Damit verschwand er mit ihr in seinem Büro und schloß die Tür hinter sich.

Singer zog im Vorbeigehen eine Augenbraue hoch. "Wann sind sie zum ‚wir' geworden?" fragte sie niemanden Bestimmtes. Ein wütender Blick des Colonels schickte sie ohne Antwort weg, aber das gespannte Erstaunen im Raum blieb.

Die anderen kehrten an ihre Arbeit zurück, aber durch die halb offenen Jalousien konnten sie Harm an seinem Schreibtisch sitzen und etwas auf seinem Bildschirm lesen sehen, während Rachel in seinem Schoß schlief. Die Szene wirkte fast natürlich, auf ihre eigene bizarre Art. "Wer hätte gedacht, daß das in ihm steckt?" fragte sich Harriet halblaut und warf einen unauffälligen Seitenblick in Macs Richtung.

"Ja", echote sie geistesabwesend, als Fragen und Möglichkeiten sich in ihrem Kopf überschlugen. "Wer hätte das gedacht?"

Ungefähr eine Stunde später entschied sie sich, sich einige Antworten auf ihre Fragen zu holen. Sie ging in die Küche und wartete, während sie eine Handvoll Kräcker aß, bis Harm hereinkam um seinen und Rachels Lunch zu holen. Mac warf einen übertriebenen Blick auf die Sandwiches in seiner Hand. "Darf ich raten, wer von euch Erdnußbutter und Gelee kriegt?"

Er sah ein wenig verlegen aus. "Hey, sie mag das. Ich wollte da nicht nein sagen, auch wenn das einen Ausflug zum Supermarkt zur Folge hatte, um Creamy Jif zu kaufen."

"Ich glaube, du könntest nicht einmal nein sagen, wenn du es wolltest." Sie wartete, aber er antwortete nicht auf ihre Bemerkung. "Geht's ihr wieder gut?"

"Ja... sie hat vorhin bloß Angst gekriegt. Dunkelheit ist wirklich schlimm für sie. Sie schläft immer mit eingeschaltetem Badezimmerlicht."

Mac zögerte kurz und beschloß dann, die Frage zu stellen, die ihr seit einer Stunde unter den Nägeln brannte. "Vorhin hat sie immer wieder ein bestimmtes Zeichen gemacht. Wir dachten, sie fragt vielleicht nach dir." Sie machte die Geste vor, und zu ihrer Überraschung fing er offensichtlich an, sich unwohl zu fühlen.

"So, äh, so hat sie irgendwann angefangen, mich zu nennen. Ihr hattet wohl recht."

"Was bedeutet es?" bohrte sie nach und vermutete Probleme im Schlepptau.

"Spielt das eine Rolle? Es ist kürzer als ‚Harmon'." Er signalisierte die Buchstaben, um seinen Standpunkt zu unterstreichen, aber sie ließ sich nicht abbringen.

"Har-mon, wenn du mir das nicht sagst, dann fange ich an, dich so zu nennen."

"Glaub' mir, das wäre keine gute Idee." Er gab seufzend nach und bereitete sich auf die Attacke vor, von der er sicher war, daß sie folgen würde. "Es bedeutet... ‚Dad'."

Eine Minute lang starrte sie ihn nur an. Die Sache war weit ernster, als sie befürchtet hatte. "Bitte sag' mir, daß das nicht deine Idee war."

"Natürlich nicht. Aber Mac, es ist nicht etwa so, daß sie das glaubt. Sie weiß genau, daß sie einen richtigen Vater und eine richtige Mutter hatte, aber sie sind nicht mehr da, und im Moment bin ich alles, was sie hat. Das ist mehr wie ein... Kosename vielleicht." Fast schon schuldbewußt sah er weg, denn er wußte, daß, obwohl es die Wahrheit war, keiner von ihnen das wirklich glaubte.

"Harm", sagte sie langsam, "das ist genau das, wovor dich Jordan gewarnt hat, als du darauf bestanden hast, am Fall Lewis 'dranzubleiben."

"Nun, Jordan ist ja nicht hier, oder?" Sofort bedauerte er seinen harschen Ton. "Es tut mir leid. Ich weiß, was du sagen willst, und ich weiß, ich sollte sie nicht zu liebgewinnen, aber..."

"Es geht mir nicht nur um sie, Harm. Wenn das hier vorbei ist, wird das Sozialamt eine neue Familie für sie finden, und ihr beide müßt euch verabschieden. Das wird dir nicht ein Stück weniger wehtun, nur, weil du ein Erwachsener bist."

"Dann werde ich mich vielleicht nicht verabschieden", sagte er leise. Mac ließ fast ihren eigenen Lunch fallen.

"Seemann, du denkst doch nicht etwa daran...?"

"Ich denke über eine Menge Dinge nach, Mac", antwortete er ehrlich. "Rachel ist eins von ihnen, aber du bist ein weiteres. Wenn du wieder zum Abendessen kommen kannst, dann lasse ich dich zu beidem dein eigenes Gewicht in die Waagschale legen."

Diese letzte Bemerkung traf sie unvorbereitet, und einen Augenblick lang wußte sie nicht genau, wie sie antworten sollte. "Ich denke, das ist nur fair", sagte sie schließlich.

"Dann sehe ich dich heute abend?"

"Ja, und sei besser bereit zu reden."

"Ob du's glaubst oder nicht - diesmal bin ich es."


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Irgendwie konnte 1700 an jenem Tag gar nicht schnell genug kommen. Mac hatte vorgehabt, wie üblich nach Hause zu fahren und sich umzuziehen, bevor sie zu Harm fahren würde. Dieser Abend würde zweifellos sehr... interessant werden, so oder so. Aber als sie halb aus der Tür war, klingelte das Telefon auf ihrem Schreibtisch, und als sie Clayton Webbs Stimme erkannte, wußte sie, daß sie abheben mußte.

"Es ist nicht alles, wie es sollte, drüben im J-2", berichtete er gepreßt. "Das würden sie Ihnen natürlich nie erzählen, aber sie überprüfen intern gerade ihr eigenes Personal. Offenbar hat jemand ohne Erlaubnis Daten gesichtet, und sie werden mißtrauisch."

"Die betreffenden Daten haben nicht zufällig etwas mit Kharasala zu tun, oder?"

"Verleiht der Lady den Gold Star." Sie konnte das gequälte Lächeln durch die Leitung hören. "Wenn da drüben jemand in Daten herumgeschnüffelt hat, die ihn nichts angehen, und Informationen zu nicht sonderlich vertrauenswürdigen Typen weitergeleitet hat, dann hat das Pentagon ein echtes Problem."

"Sie ebenfalls", betonte sie. "Wir sitzen alle im selben Boot, Webb."

"Ja, aber diesmal sind es nicht meine Leute, die Ärger machen. Ich werde auf meiner Seite die Augen offenhalten, tun Sie dasselbe auf ihrer, und wenn wir Glück haben, dann treffen wir uns in der Mitte. Halten Sie mich auf dem Laufenden, Mac."

"Werde ich. Danke."

Wie sich herausstellte, hatte sie noch genügend Zeit, aus der Uniform herauszukommen und sich vor dem Abendessen einen bequemen Pullover und Leggings anzuziehen. Als sie an Harms Tür klopfte, öffnete Rachel: Harm hatte ihr wohl bedeutet, daß da jemand war, schlußfolgerte sie. Mac lächelte und gestikulierte sorgfältig die wenigen Worte, die sie zuvor noch von ihrem Partner gelernt hatte. "Hallo Rachel. Wie geht es dir heute?"

Das Mädchen strahlte und drehte sich zu Harm um. Ihre Hände vollführten einen wahren Wirrwarr an Bewegungen. Von seinem Standort an der Spüle aus lachte er und legte das Messer weg, das er benutzt hatte, bevor er antwortete. "Sie ist ziemlich cool, was?" stimmte er zu. "Ich glaube, wenn wir ihr helfen, dann kann sie bald so gut mit dir reden wie ich."

"Hey, eins nach dem anderen", protestierte Mac und zog ihre Jacke aus. "Es ist schwer, eine Sprache zu lernen."

[Ich finde, ihr solltet heiraten], bemerkte Rachel mit der Schlichtheit, die nur von einem Kind kommen konnte. [Dann müßte sie nicht immer zum Abendessen 'rüberkommen, weil sie dann eh' schon hier wäre.]

Mac schaute zu Harm wegen der Übersetzung, aber diesmal tat er ihr den Gefallen nicht. "Ich kann deiner Logik da nicht widersprechen, Rach, aber Mac hat recht. Eins nach dem anderen."

Die Unterhaltung beim Abendessen war wegen der Gebärdensprache eine komplizierte Angelegenheit, denn ‚Sprechen mit vollen Händen' war mehr oder weniger unmöglich. Dennoch schafften sie es, sich zu verständigen, und einige Zeit später waren sie alle auf dem Wohnzimmerboden ausgestreckt und spielten Brettspiele, die ihnen ein hilfsbereiter JAG-Lieutenant mit drei Kindern geliehen hatte.

[Du hast mich gewinnen lassen, stimmt's?] beschuldigte Rachel Harm mit zusammengekniffenen Augen.

Er hob die Hände in einer Geste der Unterwerfung. "Hab' ich nicht. Ich schwöre. Du bist bei ‚Candy Land' einfach besser als wir."

Sie schaute mißtrauisch zu Mac hinüber, und ihr Blick verbot ihr, anders zu antworten. Mac schüttelte nur den Kopf. "Das würde ich nie tun. Als ich klein war, wollte ich nie etwas gewinnen, das ich nicht verdient habe."

"Die Dinge haben sich nicht sehr geändert", bemerkte Harm mit einem Lächeln.

Es klopfte an der Tür, und eine männliche Stimme war aus dem Flur zu hören. "Ich bin's, Corporal Perkins, Commander. Ich mach' nur gerade die Kontrolle um 2100."

"Weitermachen, Corproal", antwortete Harm. "Uns geht's gut."

"Aye, Sir." Die Marine-Wache setzte ihre Runden fort, und die beiden Anwälte tauschten einen kurzen Blick und fragten sich, wie lange dieser Wahnsinn wohl noch so weitergehen würde. Rachel schien zu merken, daß die Stimmung gebrochen war. Sie stand mit einem leicht enttäuschten Gesichtsausdruck auf.

[Ich mach' mich fertig fürs Bett.]

"Alles klar, Liebes. Ich komme dann gleich nach und bringe dich ins Bett, okay?" Rachel nickte und gestikulierte ‚Gute Nacht' zu Mac, die das Zeichen wiederholte. Das Mädchen lächelte ein wenig und streckte dann die Arme aus, um sie vorsichtig zu umarmen. Dann verschwand sie im Schlafzimmer. Der Colonel war ein wenig verwundert.

"Ich fange an zu verstehen, was du meinst", sagte sie leise. "Sie ist ein Schatz."

"Sie ist auch eine Zielscheibe. Wir sind nicht annähernd schnell genug mit diesem Fall, und ich fange an, mir Sorgen zu machen, daß dieser Bastard einen Weg findet, sie zu kriegen, bevor wir ihn kriegen."

"Webb hat angerufen, gerade als ich gehen wollte. Offenbar hat jemand vom J-2-Team in den Daten auf der Kharasala-Seite herumgestochert. Es fängt an, so auszusehen, als hättest du recht mit deinem Verdacht, da sei ein Doppelagent im System. Ich habe Bud gebeten, die Personalakten für J-2 herauszusuchen. Da können wir morgen anfangen."

Harm stellte das Brettspiel auf das Bücherregal und wandte sich ihr mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck wieder zu. "Ich danke dir", sagte er schlicht.

"Wofür?" fragte sie ein wenig überrascht.

"Für alles. Dafür, daß du die Ermittlung in deine Hände nimmst, wenn ich Probleme habe, über Rachel hinauszusehen. Dafür, daß dir soviel an uns liegt, daß du dir um uns beide Sorgen machst, aber daß du auch genug Verständnis hast, mich tun zu lassen, was ich tun muß. Dafür vor allem, daß du einfach dein eigenes unglaubliches Selbst bist." Er blickte einen Moment lang nach unten. "Ich denke, manchmal ertappe ich mich immer noch dabei, mich zu fragen, was ich nur getan habe, um jemanden wie dich zu verdienen."

Ihr stockte der Atem. Sie war erschrocken von der tiefen Ehrlichkeit, die in seinen Worten lag, und von den unverhüllten Gefühlen in seiner Stimme. Im Hinterkopf hatte sie immer gewußt, daß sie seinen Respekt sicher hatte, daß das, was sie verband, nicht nur auf irgendeiner lang unterdrückten physischen Anziehung beruhte. Und doch - es hatte in ihrem Leben nur sehr wenige Männer gegeben, die sie wirklich als das gesehen hatten, was sie war, und noch weniger, die ihr das Gefühl gegeben hatten, wirklich bewundert zu werden. Die Bewunderung ganz besonders dieses Mannes bedeutete ihr mehr als alles andere auf der Welt. Und da es nicht in seiner Natur lag, so offen darüber zu sprechen, war es überwältigend, es so klar ausgesprochen zu hören.

"Du weißt wirklich, wie man ein Gespräch eröffnet", sagte sie schließlich, während sie sich auf die Couch setzte und den Kopf in den Nacken legte. "Vorhin hast du gesagt, du hättest über Rachel und über mich nachgedacht. Womit willst du anfangen?"

"Mit dir - oder, genauer gesagt, mit uns. Obwohl am Ende wohl beide Themen am selben Punkt anlangen werden." Er ging durch den Raum, um sich neben sie zu setzen, aber bevor er anfangen konnte, hörten sie ein leises Klirren aus dem Badezimmer. Mit einem entschuldigenden Blick stand er wieder auf, um nach Rachel zu sehen. "War ja klar. Kann ich mit meiner Rede anfangen, nachdem ich sie ins Bett gebracht habe?"

"Ich werd' dich darauf festnageln", antwortete sie leichthin, nicht ganz im Scherz.

Auf dem Fußboden im Badezimmer war Rachel damit beschäftigt, einen Arm voll Gegenstände aufzusammeln, die sie wohl vom Sideboard gestoßen hatte. Ihre Haarbürste, ihre Zahnpasta, ihre Shampoo-Flasche und ein halbes Dutzend anderer Dinge lagen verstreut auf den Kacheln, als Harm den Kopf zur Tür hereinstreckte. "Alles in Ordnung?" fragte er ruhig.

Sie zuckte die Schultern und drehte sich um, bevor sie antwortete. Sie war jedoch nicht schnell genug, um den verstörten Ausdruck auf ihrem jungen Gesicht zu verbergen. [Klar. Sorry.]

Nicht zufrieden mit ihrer Antwort, bückte er sich, um ihren roten Plastikbecher aufzuheben, und berührte ihre Schulter, um ihre ganze Aufmerksamkeit zu bekommen. "Es wird nicht immer so sein, Rach. Schon bald müssen wir uns keine Sorgen mehr machen. Du kannst wieder zur Schule gehen, und ich nehme dich mit zum Fliegen, wie versprochen. Wir müssen nur noch ein Weilchen durchhalten, in Ordnung?"

Sie nickte, den Blick noch immer gesenkt, als sie ihm ins Schlafzimmer folgte. Ihr Blick fiel auf die Gitarre in der Ecke, und die Neugier brachte sie dazu, sie sich genauer anzusehen. Sie berührte die Saiten und den glatten Korpus aus Ahornholz. [Spielst du gern Musik?]

Harm setzte sich auf die Bettkante. "Manchmal. Ich fühl' mich dann besser, wenn ich traurig bin."

Sie nahm das Instrument in beide Hände und hielt es ihm hin. [Ich wünschte, es könnte mir dann auch besser gehen.]

Harm dachte einen Augenblick nach, dann zog er die Kleine aufs Bett und bedeutete ihr, sie solle ihr Ohr gegen die Gitarre lehnen. Er spielte ein paar Takte, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung und Freude. Ihr Gehörverlust war nicht total; die feinsten Vibrationen schienen irgendwie durchzudringen. Während Mac von der anderen Seite der Glasbausteinwand zuhörte, legte er die Gitarre beiseite und zog sie in seine Arme, so daß ihr Kopf an seiner Brust ruhte. Sanft und zart begann er zu singen.

"Goodnight, my angel, time to close your eyes
And save these questions for another day
I think I know what you've been asking me
I think you know what I've been trying to say..."

Höchstwahrscheinlich verstand sie kein Wort, aber das spielte in diesem Moment keine Rolle.

"I promised I would never leave you
And you should always know
Wherever you may go, no matter where you are
I never will be far away..."

Mac trat abrupt von der Glaswand zurück und ging zur Couch, Tränen in den Augen. Während das Schlaflied weiterging, vergrub sie ihr Gesicht in ihren Händen und ließ die Tränen laufen, ohne daß sie vollkommen verstand, warum eigentlich.

Bald war Rachel eingeschlafen, und Harm legte sie sanft ins Bett und zog mit dem mittlerweile üblichen Kuß die Decke hoch. Dann ging er zurück ins Wohnzimmer und war sofort erschrocken über das, was er sah. "Mac? Was ist los?"

"Ich weiß nicht genau", antwortete sie und trocknete ihre Augen, so gut sie konnte. "Verpaßte Chancen, denke ich. Keine Erinnerungen an meinen Vater, wie er mich in den Schlaf singt... keine eigenen kleinen Mädchen, für die ich singen könnte..."

"Diese Chance hast du noch nicht verpaßt", erinnerte er sie mit Bestimmtheit im Ton. Er setzte sich wieder an ihre Seite, doch widerstand er der Versuchung, sie in die Arme zu nehmen. Sie würde für sich selbst entscheiden, was sie brauchte, nicht er. "Aber ich denke, ich weiß, was du meinst. Wir fangen beide an, eine Menge Dinge ihretwegen anders zu sehen."

"Möglich." Sie sah ihn mit einem wehmütigen Lächeln an. "Das sieht so richtig aus, du und sie... es ist, als wenn die ganze Szene perfekt wäre, wenn sie anders wäre. Wenn..."

"...wir das wären?"

Sie nickte vorsichtig. Er holte tief Luft und versuchte, sich auf ein Geständnis vorzubereiten, das anders sein würde als jedes andere. "Das ist so ungefähr, was ich mit dir besprechen wollte. Ich habe darüber nachgedacht, daß ich es auch gern hätte, wenn wir das wären. Wir alle."

Sie hatte die Worte gehört, aber es war schwer zu glauben, daß er sie tatsächlich gesagt hatte. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder. "Harm, schlägst du wirklich vor, was ich meine, verstanden zu haben?"

"Mac, ich schwöre, ich habe das durchdacht. Ich liebe Rachel, und ich will sie bei mir behalten. Aber ich liebe dich auch, und wenn du nicht unbedingt eine ureigene Familie willst, dann brauchst du nur bescheid zu sagen.

Nur die Hälfte seiner Rede drang in ihr Bewußtsein vor. Alles nach ‚ich liebe dich' ging in einem Strudel der Gefühle unter. Bemüht, ihre Fassung zu wahren, zwang sie sich, seinem Blick zu begegnen, und es war klar, daß er es auch so gemeint hatte. Nach all der langen Zeit und sogar nach der Vertrauensebene, die sie in letzter Zeit erreicht hatten, war es immer noch ein Schock, die Worte ausgesprochen zu hören.

"Du liebst mich also?" flüsterte sie. Sie wollte sicher sein, daß sie sich nicht verhört hatte.

Er lächelte, und es war das offenste, ehrlichste, faszinierendste Lächeln, das sie je gesehen hatte. "Ich hab' lange genug gebraucht, das herauszufinden, oder?"

"Das hast du, weiß Gott!" Die kraftvolle Antwort ließ sie beide unsicher auflachen und verschaffte ihnen nötige Erleichterung. Die Verklemmtheit der vergangenen Wochen schien in Sekunden wegzuschmelzen, als sie in seine Arme sank und ihr Gesicht in seiner Halsbeuge vergrub. "Ich liebe dich auch", gestand sie mit gedämpfter Stimme. "Gott, fühlt sich das gut an, das einfach herauszulassen."

"Das war leichter, als ich dachte", stimmte er zu und hielt sie fester. "Alles andere ist ja im Grunde schon gesagt worden, aber irgendwie hatte ich immer Angst, diese Worte tatsächlich auszusprechen. Manchmal verstehe ich wirklich nicht, wie ich funktioniere."

"Ist schon in Ordnung. Ich normalerweise schon."

Er sah auf sie hinab und strich eine verirrte Haarsträne aus ihrem Gesicht. "Ja, das tust du, nicht wahr?"

Nach einer Weile zog sie sich zurück, um ihn vorsichtig anzusehen. "Warum jetzt? Wegen Rachel?"

"Vielleicht. Ich glaube, ich habe Beweise aus erster Hand gebraucht, daß ich die Balance zwischen Dienst und einem halbwegs normalen Familienleben hinkriege, ohne dabei kaputtzugehen. Ich weiß, wir sagen schon seit einer ganzen Weile, daß wir die erste Gelegenheit ergreifen würden, um unseren Status bei JAG zu ändern, damit unser Zusammensein nicht jede Kleinigkeit, die wir tun, beeinträchtigt, aber ich habe die Warterei satt. Ich denke, es ist Zeit, unsere eigenen Gelegenheiten zu suchen."

"Was schlägst du vor?"

"Der Spezialberater des AIRLANT-Stabes wird zum Captain befördert, und sie schicken ihn nach Pearl, um CINCPAC zu beraten. Ich dachte, ich bitte den Admiral, mich für AIRLANT zu empfehlen."

"Du würdest dich ganz von JAG wegversetzen lassen?"

"Ich wäre nur über den Fluß 'rüber im Pentagon. Ich würde immer noch Ermittlungen leiten, und ich hätte mit jeder Menge Flugzeugen zu tun. Und ich würde sicherlich immer wieder einmal nach Falls Church kommen." Er lächelte sie an, aber der Vorschlag war ernstgemeint. "Was meinst du?"

Mac breitete schulterzuckend die Hände aus. "Wir könnten eine Menge Probleme umgehen, und es scheint perfekt für einen Piloten-Anwalt wie dich. Aber ich würde dich furchtbar vermissen."

"Nur tagsüber. Sobald es 1700 schlägt, gehöre ich ganz dir."

Seine Wortwahl ließ sie eine Augenbraue hochziehen.. "Und Rachel?" fragte sie. "Willst du sie wirklich adoptieren? Von Null auf Hundert Vater einer Siebenjährigen werden?"

"Ich will es versuchen. Aber nur, wenn du das auch willst. Ich habe das vorhin ernst gemeint. Ich verfolge das nicht weiter, wenn das bedeuten sollte, daß wir das verlieren, was wir schon haben. Wir haben schon zu viel durchgemacht, um irgendetwas dazwischenkommen zu lassen. Sogar das hier."

Als sie die Tiefe der Gefühle begriff, die sich in seinen ausdrucksvollen Augen wiederspiegelten, wurde ihr klar, daß das, was er vorschlug, vermutlich das größte aller Opfer war, die ihr jemals jemand hatte bringen wollen. Mic hatte seine Karriere auf Eis gelegt und seine Heimat verlassen, um bei ihr zu sein, aber Harm war bereit, die Beziehung zu opfern, die er zu diesem lieben kleinen Mädchen aufgebaut hatte, weil er sie wirklich und wahrhaftig so sehr liebte.

Und gerade, weil sie ihn ganz genauso liebte, wußte sie sofort, daß sie niemals von ihm verlangen würde, dieses Opfer zu bringen. "Dann laß' es uns tun", sagte sie leise, woraufhin er ein paarmal vor purem Schreck blinzelte. "Aber nur fürs Protokoll: Als wir abgemacht haben, uns ein Kind zu teilen, habe ich nicht direkt an so etwas wie das hier gedacht."

"Alles zu seiner Zeit", versprach er fast ehrfürchtig. "Meinst du es ernst?"

"Wenn ihr beide anfangt, mir die Gebärdensprache ernsthaft beizubringen, denke ich, ich kann den Rest bewältigen. Wichtiger noch: Ich will. Aber das kann schwerer werden, als es aussieht. Wir sind vermutlich nicht ganz das, wonach der Sozialdienst bei einer Adoptivfamilie sucht. Wir sind ja noch nicht einmal eine Familie."

"Das ist ein Zustand, den ich gern beheben will, aber laß' uns diesen Weg erst einschlagen, wenn es an der Zeit ist. Ich will Rachel gegenüber eine Adoption ja noch nicht einmal erwähnen, damit sie nicht auf etwas hofft, was niemals wahr wird. Gerade jetzt will ich erst einmal herausfinden, wer Alison Marks umgebracht hat, und das Ganze beenden, damit wir alle nach vorn schauen können. Aber ich habe nichts dagegen, einmal in Adoptionsvorgänge hineinzuschauen." Im selben Moment, als er das sagte, kam ihm eine Idee, und er schnippte mit den Fingern. "Wart' mal! Andie!"

"Andie? Du meinst ‚Law-School-Andie'?" [A.d.Ü.: Das bezieht sich auf AeroGirls wunderschöne Geschichte ‚Learning How to Fall', in der sie Harms Jura-Studienjahre beschreibt. Mein Tip: Unbedingt lesen!!]

"Die einzige Andie, die ich kenne. Sie ist auf Jugendrecht spezialisiert, kannst du dich erinnern? Ich bin sicher, sie könnte uns eine Menge von dem erzählen, was wir wissen müssen. Vielleicht rufe ich sie morgen einmal an, wenn wir nicht zuviel zu tun haben."

Sie wußte, daß sie ihn eigentlich ermahnen sollte, es ruhiger angehen zu lassen, daß sie gefährlich nahe daran waren, sich überstürzt in etwas hineinzuwagen, das zweifelsohne weitreichende Konsequenzen für sie alle haben würde. Aber dieses eine Mal in ihrem Leben siegte ihr Vertrauen - in ihn und in sich selbst. "Wir scheinen eine Begabung dafür zu haben, Dinge unkonventionell zu tun. Der gesamte JAG-Stab wird sich fragen, wie wir in null Komma nichts von Partnern zu Eltern geworden sind."

"Entschuldige, wenn ich im Augenblick nicht über die Maßen über die Meinung unserer JAG-Kollegen nachdenke." Er beugte sich vor, und ohne daß beide wußten, wie es dazu gekommen war, fanden sie sich plötzlich vereint in einem leidenschaftlichen Kuß - einem Kuß, der den kritischen Übergang bestätigte, den sie gerade beschlossen hatten zu wagen. Jetzt waren es nicht mehr nur Worte, nur Versprechen. Von diesem Punkt an, ganz egal, was auch passieren würde, würde keiner von ihnen jemals mehr allein sein.

Nach einem langen, schmerzlich perfekten Augenblick, in dem sie sich jede Empfindung seiner Umarmung fest eingeprägt hatte, zog sie sich zurück. "Ich sollte vermutlich gehen", sagte sie schlicht, und Resignation schwang in ihrer Stimme mit. "Ich habe das unbestimmte Gefühl, wenn ich noch länger bleibe, steht Rachel auf, um sich etwas zu trinken zu holen, und ertappt uns dabei, daß wir etwas tun, womit wir beim Sozialdienst keinen Blumentopf gewinnen."

Er antwortete mit einem langgezogenen Seufzer und einem Kuß auf ihre Schläfe. "Da kommen wir auch noch hin", versprach er und stand auf, um ihr in den Mantel zu helfen. "Irgendwann werden wir unsere Leben in Ordnung gebracht haben, und alles macht endlich Sinn."

"Darauf werde ich dich auch festnageln." Sie drehte den Türknauf und trat hinaus in den Hausflur, wo die kühlere Luft das Gefühl des Verlusts noch verstärkte, das die Handlung begleitete. "Gute Nacht", flüsterte sie.

Bevor sie sich umdrehen und gehen konnte, zog er sie noch einmal zu sich heran und küßte sie noch stärker, fordernder als zuvor. "Vergiß' mich nicht", ermahnte er sie mit einem langsamen, verführerischen Lächeln.

Als wenn das überhaupt möglich wäre. Als wenn sie es jemals vermocht hätte, dieses Lächeln und diese Augen aus dem Gedächtnis zu verbannen, sogar bevor all das hier angefangen hatte. Sie raffte ihre verbliebenen Sinne zusammen, bedachte ihn mit einem spielerisch mißbilligenden Blick und ging zum Fahrstuhl.

Harm beobachtete, wie sie hinter dem Gitter verschwand, als Corporal Perkins gerade auf seinem nächsten Rundgang die Treppe hochkam. Der junge Marine lächelte nur, denn er hatte ihren Abschied mitbekommen. "Ich denke 'mal, ich muß nicht nachfragen, wie es Ihnen geht, Sir."

"Sie sind zur Geheimhaltung verpflichtet, Corporal", warnte ihn der Offizier, noch während sich ein leichtes Lächeln in seine Augen stahl.

"Bei allem Respekt, Sir: Wenn ich mit einer solchen Frau zusammenwäre, würde ich das nicht geheimhalten."

Harm schüttelte den Kopf. "Sie ist ein Lieutenant Colonel der Marines, Corporal, und das ist alles, was Sie wissen müssen."

Perkins blinzelte, doch sein Lächeln wurde nur noch breiter. "Jawohl, Sir. Gute Nacht, Commander."


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Harms erste Amtshandlung am nächsten Morgen war, von Bud ein Update bezüglich der Personaluntersuchung zu bekommen. Eine Handvoll anderer Fälle schafften es ebenfalls in seinen Arbeitsplan und wetteiferten um seine Aufmerksamkeit. Sobald er einen Moment Luft hatte, schickte er Rachel hinaus, Harriet zu ‚helfen', durchsuchte dann sein Adreßbuch und wählte eine Nummer, die er lange nicht mehr angerufen hatte.

"Holland, Archer und McNeil", antwortete die Stimme einer Sekretärin.

"Ja, ist Andrea Nichols zu sprechen?"

"Kann ich ihr ausrichten, wer am Telefon ist?"

"Hier ist Harmon Rabb."

Nach einer weiteren kurzen Pause kam eine altbekannte Stimme durch die Leitung. "Harm, mein Lieber, bist du das?"

"Nein, hier ist Marcus Atkinson", antwortete er sardonisch, indem er den Namen ihres gefürchtetsten Jura-Professors ins Spiel brachte. Ihr amüsiertes Schnauben am anderen Ende der Leitung wertete den etwas lahmen Witz auf. "Natürlich bin ich das."

"Phantastisch! Ich brauchte etwas, um meinen Tag aufzuhellen, und mit dir zu sprechen, fällt definitiv in die Kategorie." Er stellte sich vor, wie sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und mit einem Kugelschreiber spielte: In all den Jahren, in denen sie unzertrennlich gewesen waren, hatte sie ihre Hände nie lange stillhalten können. "Welchem Umstand verdanke ich diese besondere Ehre?"

"Eigentlich muß ich dich um einen Gefallen bitten."

Er konnte fast hören, wie sie eine Augenbraue hochzog. "Oh, mußt du das? Und was bringt dich dazu zu glauben, ich schulde dir einen? Wenn ich genauer nachdenke, schuldest du nicht überhaupt mir einen?"

"Wie kommst du denn darauf?" protestierte er und genoß das Streitgespräch.

"Oh, ich weiß nicht... da war irgendwas mit einer Nacht auf meiner Couch im ersten Semester... und daß ich die Situation nicht ausgenutzt habe, die du mir geboten hast."

Er gab vor, konsterniert zu sein. "Oh, nicht mit mir zu schlafen, ist also ein großer Gefallen?"

"Harm, ich war 22, und du warst der umwerfendste Typ, den ich je kennengelernt hatte. Glaub' mir, das war nicht einfach. Aber so groß die Versuchung auch war und immer noch ist, ich hätte mich dafür gehaßt, eine so großartige Freundschaft so früh zu zerstören, meinst du nicht auch?"

Typisch Andie. Sie hatten sich ein halbes Jahr nicht gesprochen, und schon waren sie irgendwie bei einem etwas riskanten Thema angelangt. "Hey, ich sage dir, daß ich vollkommen in der Lage bin, Freundschaften mit Frauen sogar nach einer kurzen Intimbeziehung aufrechtzuerhalten. Ich kann dir sogar zwei Beispiele auf den Kopf nennen."

"Warum hast du das nicht gleich gesagt? Ich kann binnen drei Stunden im Flugzeug sitzen und dasein", gab sie im Scherz zurück.

"Sehr niedlich, du neunmalkluges Etwas."

"Du kannst mir nicht die Schuld dafür geben, daß ich es versucht habe. Also, wer waren sie?"

Er verdrehte die Augen. "Ich glaub's nicht, daß ich dir das erzähle, aber die eine war eine Frau, mit der ich zusammengearbeitet habe, und die andere war eine Kongreßabgeordnete."

"Großer Gott. Wenn ich gewußt hätte, daß Washington so funktioniert, dann hätte ich das letzte Mal, als ich in der Stadt war, eine ganze Menge mehr Leute angerufen." Die schlichte Respektlosigkeit in ihrer Stimme ließ ihn sich daran erinnern, weshalb sie vor all den Jahren so gute Freunde gewesen waren. "Erzählst du mir, welche ehrenwerte Volksvertreterin das war, oder muß ich raten?"

Harm warf einen Blick aus seinem Büro, um sicherzugehen, daß Sturgis nicht gerade irgendwo herumlief, bevor er antwortete. "Bobbi Latham."

Andie stieß am Telefon einen Schrei aus. "Harmon Rabb! Du hast mit meiner Wahlkreisabgeordneten geschlafen??"

"Was ist, beeinflußt das deine Wahlentscheidung?"

"Das könnte es, verdammt noch mal!"

Beide brachen in Gelächter aus. "Ich vermisse dich, Andie", brachte er schließlich heraus.

"Ich dich auch. Jetzt einmal im Ernst: Was kann ich für dich tun?"

"Du bist meine persönliche Jugendrechts-Expertin, und ich hab' hier ein siebenjähriges Kind. Du bist nicht zufällig Mitglied in der Anwaltskammer von Virginia, oder?"

"Sorry, das ist ein bißchen weit ab vom Schuß für ein Mädchen aus dem Mittleren Westen. Wenn's hilft - ich bin Mitglied in Michigan, Ohio, Indiana und Illinois."

"Illinois grenzt nicht an Michigan", konnte er sich nicht verkeifen anzumerken.

"Danke für die Erdkunde-Stunde, aber die haben da so eine kleine Stadt, wo ein paar wichtige Dinge passieren. Du hast vielleicht schon einmal von Chicago gehört?"

Er war zu sehr mit einer plötzlichen Eingebung beschäftigt, um auf ihren Sarkasmus zu kontern. "Commander Marks hat an der University of Illinois studiert. Es ist weit hergeholt, aber wenn Rachel in Illinois geboren wurde..."

"Harm, mußt du wirklich ein Ferngespräch bezahlen, um Selbstgespräche zu führen?"

"Hey, das geht auf den Steuerzahler."

"Danke vielmals."

"Nein, Andie, ich schwöre, ich brauche dich. Rachels Mutter, Alison Marks, war ein Lieutenant Commander in der Navy. Sie wurde letzte Woche getötet, und sobald wir diesen Mistkerl kriegen, der das getan hat, wird Rachel eine Adoptivfamilie brauchen. Wenn sie in Illinois geboren wurde, könnte sie rein technisch immer noch dort gemeldet sein, weil sie ja eine Angehörige von Militärs ist. Würdest du mir in diesem Fall helfen, ihre Akten ausfindig zu machen?"

"Na klar", antwortete sie sofort, aber sie kannte ihn zu gut, um die Unsicherheit in seiner Stimme zu überhören. "Und der Rest der Geschichte?"

"Andie..."

"Harm. Du mußt nicht Mitglied der Anwaltskammer von Illinois sein, um an ein paar Akten heranzukommen. Was immer du mir sagen mußt, sag' es einfach."

Er seufzte. "Ich könnte auch deine Hilfe gebrauchen, wenn alles glatt geht, um einen Adoptionsbewerber vor Gericht zu vertreten."

Es entstand eine kurze Pause. "Du machst Witze. Du?"

"Andie..."

"Herrgott noch mal, wirst du wohl mit diesem ‚Andie' aufhören? Ich vertraue dir. Wenn du mich brauchst, bin ich da. Sag' mir einfach, wann und wo."

Die Tatsache, daß sie keine Erklärung von ihm verlangte, daß sie sofort bereit war, jede Verwunderung über die plötzliche Kehrtwende in seinem Leben hintanzustellen, bestätigte ihre Vertrauensbasis. "Du bist die Beste", sagte er dankbar und atmete erleichtert auf. "Wo ich dich schon bis ins Mark erschüttert habe, willst du jetzt die ganze, unzensierte Version der Geschichte hören?"

"Darf ich raten? Du und Sarah Mackenzie, ihr habt euch endlich zusammengerauft, und sie zieht das Ganze mit dir zusammen durch?"

Er konnte sich nicht helfen - sein Mund stand offen. "Guter Gott, ist das so offensichtlich?"

"Du meinst, ich hatte recht?" rief sie und klang genauso überrascht wie er selbst. "Ich dachte, ich mache nur Spaß. Wow... das ist großartig, Navy! Ihr seid jetzt mit allem im Reinen, ja?"

"Nicht ganz", räumte er ein, und sein Humor verflog. "Ich muß dafür sorgen, daß das kleine Mädchen sicher ist, bis wir einen möglichen Doppelagenten in der CIA oder im Militär aufspüren."

"Keine Chance für Langeweile, wenn du in der Nähe bist. Hör' 'mal, ich werd' versuchen, über Alison und Rachel Marks im Staatssekretärsbüro von Illinois etwas herauszufinden, und auch, wen ich im Raum Virginia kontaktieren kann, nur für alle Fälle. Du konzentrier' dich auf die Ermittlung und schließ' den Fall ab. Ich werde mich bemühen, mich um den Rest zu kümmern."

"Andie, ich werde mir etwas ausdenken, um das wieder gutzumachen. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde es tun. Tausend Dank."

"Ganz mein Vergnügen, mein Lieber. Wir hören uns bald."

Als er den Hörer auflegte, tauchte Mac sofort im Türrahmen auf, und Rachel schaute hinter ihr um die Ecke. "War das Andie?"

"Yep. Sie wird ihre Zauberkräfte einsetzen und sehen, was sie herausfindet. Was habt ihr beiden denn vor?"

"Bud hat eine ziemlich solide Liste für uns fertiggemacht, wenn du 'mal einen Blick auf die Profile der J-2-Mitarbeiter werfen möchtest."

"Verdammt, na klar will ich. Bringen wir diese Show zum Laufen." Er griff nach seinem Notebook und umrundete den Schreibtisch, als er plötzlich anhielt, weil er zum ersten Mal Rachels Haar bemerkt hatte. Amüsiert gestikulierte er: "Rach, hat Mac dir die Haare geflochten?"

Rachel nickte und faßte den Colonel an der Hand. Mac zuckte verlegen die Schultern. "Sorry, Flieger-As, aber manche Dinge brauchen wirklich eine weibliche Hand."

"Daran habe ich keinen Zweifel", antwortete er, als Rachel ihre andere Hand ausstreckte, um nach seiner zu greifen. Das Trio ging durch das Großraumbüro in Richtung Konferenzraum und zog neugierige Blicke der anwesenden Offiziere nach sich.

Harriet beobachtete die Reaktionen der anderen und verdrehte die Augen. "Rühren", sagte sie ruhig und verbarg gekonnt ihre Genugtuung. Das fing definitiv an, interessant zu werden, aber sie konnte es nicht wirklich als Überraschung bezeichnen. Leise summend, ging sie zu ihrem Schreibtisch zurück. "C'est la vie, say the old folks, it goes to show you never can tell..."

Im Konferenzraum beschäftigte sich Rachel in einer Ecke mit einem neuen Malbuch, während Bud begann, die Lebensläufe der Offiziere aus dem J-2-Stab zu referieren. "Ich habe hier 21 Personalakten, und ich würde fünf davon als wirklich verdächtig bezeichnen", fing er an, als er die betreffenden Akten auf den Tisch legte. "Sogar die hier sind wackelig, aber Sie hatten mich um kapitel- und absatzweise Überprüfung gebeten. Fangen wir also an. Nummer eins ist Lieutenant Janet Torrance von der Einsatzleitung. Sie hat ein Jahr lang in Kenia am College Englisch unterrichtet."

"Vom Unterrichten in Afrika zur Zusammenarbeit mit Moslem-Extremisten ist es ein großer Schritt", bemerkte Mac zweifelnd.

"Aber es ist möglich, daß sie zu jener Zeit jemandem nahegestanden hat, der Beziehungen zu Kharasala hatte", entgegnete Harm. "Jeder Hinweis, richtig? Egal, wie klein?"

"Ich denke schon. Aber Rachel hat einen Mann gesehen, keine Frau. Wenn Torrance mit 'drinsteckt, dann suchen wir nach zwei Personen, nicht einer, und alles wird schwerer. Der Nächste, Bud?"

"Richtig, Ma'am - Nummer zwei ist Commander Jacob Silverman, der Stabs-XO. Er hat in seiner Akte eine Verwarnung wegen öffentlicher Kritik an der Regierungspolitik in Nahost-Fragen. Offenbar war er sogar einmal in Proteste verwickelt."

"Aber welche Art von Protesten?" wollte Harm wissen. "Der Name klingt jüdisch - er könnte für eine härtere Haltung der U.S. eingetreten sein, nicht eine lockerere."

Bud blätterte ein paar Seiten um und biß sich auf die Lippe. "Stimmt sogar, Sir. Er ist Jude. Das hätte mir auffallen müssen."

"Machen Sie Sich keine sorgen. Wir haben nach allem verlangt, und sie haben es für uns herausgesucht. Wer ist Nummer drei?"

"Äh, das wäre ein Marine-Captain, Robert Mason..."

"Schließen Sie ihn aus", warf Mac spöttisch ein. "Marines sind aus härterem Holz." Harm warf ihr ein Stirnrunzeln zu.

"Nicht witzig, Holzkopf. Was ist seine Geschichte, Bud?"

"Das ist es ja gerade, Sir. Er hat eigentlich nicht wirklich eine Geschichte per se. Ich meine, alles ist sauber, aber... er ist zu sauber. Er stößt mir einfach irgendwie auf."

Mac zog eine Augenbraue hoch. Nach ihren neuesten Erfahrungen mit dem sechsten Sinn war sie nicht diejenige, die einen derartigen Ansatz in Frage stellen würde. Und dennoch... "Untermauern Sie das, Lieutenant", verlangte sie geradeheraus. "Tragen Sie uns den Fall vor."

Es hatte Zeiten gegeben, wo Bud Roberts unter den aufmerksamen Blicken seiner beiden Mentoren und Freunde den Kopf eingezogen hätte. Jetzt jedoch begegnete er ihnen, ohne mit der Wimper zu zucken. "Jawohl, Ma'am. 1994 war Mason auf den Philippinen bei MEU 2-1 stationiert, und sein Leistungsgutachten liest sich etwas merkwürdig. Da steht ein Satz 'drin über seinen überwältigenden Erfolg, mit einer örtlichen Rebellengruppe zu kommunizieren. Offenbar hat er eine Belobigung dafür erhalten, daß er alle beteiligten Parteien an den Verhandlungstisch gebracht hat. Die Sache ist nur, er ist nie zum Unterhändler ausgebildet worden, und das war auch nicht seine offizielle Aufgabe. Er hat es einfach irgendwie geschafft, sich ihr Vertrauen zu verdienen. Es gibt noch weitere Dinge dieser Art; Bemerkungen von verschiedenen Vorgesetzten darüber, wie Mason sich über seine üblichen Pflichten hinaus bemüht hat, eine Beziehung zu den Einheimischen aufzubauen, wo immer er war. Jeder scheint dieses einzigartige Talent als eine gute Sache einzuordnen, aber was, wenn es das gar nicht war? Was, wenn er etwas ganz anderes vorhatte?"

Harm tauschte einen Blick mit Mac. In seinem Kopf drehten sich die Räder. "War er jemals im Nahen Osten stationiert?"

"Bahrain, Sir. Für sechs Monate."

"Und wissen wir irgendetwas über seinen derzeitigen Verantwortungsbereich bei J-2?"

"Er ist ihr Spezialist für menschliche Informationsquellen in Nord- und Ostafrika, Sir. Das würde ihn in Kontakt mit Commander Marks bringen, obwohl sie auf der technischen und er auf der menschlichen Seite der Quellen gearbeitet hat."

Mac nickte leicht. Sie konnte die Gedanken ihres Partners fast lesen. "Das war gute Arbeit, Bud."

"Danke, Ma'am. Ich nehme an, Sie brauchen einen genaueren Blick auf Captain Mason?"

"Darauf können Sie wetten. Diesmal müssen wir persönlich werden. Familiensituation, College-Freunde, alles, was nur irgendwie auf ein Motiv hindeuten könnte, sich zu verkaufen. Und behandeln sie das vertraulich."

"Glauben Sie, Sie könnten an ein Foto herankommen?" fragte Harm plötzlich. "Ich weiß, die Geheimdienstleute verbreiten ihre Bilder nicht sehr, aber wenn wir Rachel irgendetwas zeigen könnten, könnten wir sie vielleicht dazu bringen, ihn zu identifizieren."

"Außerdem müssen wir wissen, nach wem wir suchen, falls dieser Typ mutig wird und irgendwas versucht", fügte Mac hinzu. "Ich weiß, wir wollen niemandem einen Hinweis geben, aber wenn wir es mit jemandem mit Militärausweis zu tun haben, könnte er vor unseren Augen in dieses Gebäude hineinmarschieren."

Bud nickte ernst - auf diese Idee war er gar nicht gekommen. Nach dem Gesichtsausdruck des Commanders zu urteilen, er auch nicht. "Ich werde mein Bestes versuchen. Jetzt, wo das besprochen ist - ich habe eine vorprozeßliche Besprechung mit Commander Turner in einer halben Stunde, wenn Sie mich also im Moment nicht brauchen..."

"Gehen Sie. Und nochmals vielen Dank."

Nachdem Bud gegangen war, schaute sich Mac nach Rachel um, die noch immer in ihr Malbuch vertieft war. "Ich hasse das", sagte sie leise. "Wir behandeln jeden wie einen Verdächtigen."

"Ich weiß. Aber unsere Möglichkeiten sind einfach begrenzt. Wenigstens machen wir Fortschritte."

"Tun wir das? Vielleicht hat dieser Captain gar keinen Dreck am Stecken. Vielleicht ist er einfach ein ganz normaler Mensch mit einer diplomatischen Begabung."

"Vielleicht. Vielleicht auch nicht." Harm nahm die Papiere, die Bud zurückgelassen hatte, und schloß die Akte. "Sollten wir Webb benachrichtigen, wo wir mit der Sache stehen?"

"Es kann nicht schaden. Seine Leute kümmern sich gar nicht um den Mord - sie konzentrieren sich auf das Sicherheitsleck. Wenn sie irgendetwas über das unterliegende größere Szenario herausgefunden haben, kriegen wir vielleicht ein stärkeres Motiv."

"Solange er den Mund darüber hält, wen wir verdächtigen."

Macs Mundwinkel zogen sich nach oben. "Harm, wir reden hier von Clayton Webb. Ich denke, der stellvertretende Direktor der Spionageabwehr sollte doch wissen, wie man etwas geheimhält, oder?"

"Schon gut, schon gut." Er stand auf und zog Rachels Aufmerksamkeit damit auf sich. "Komm, Rach, laß' uns spazierengehen."

Der Hof war sonnig, aber kühl. Eine leichte Brise brachte die schwindenden Einflüsse des Winters in Erinnerung. Doch ein paar dickköpfige Blumen begannen schon, sich ihren Weg durch die Erde zu erkämpfen. Rachel setzte sich auf eine Bank und baumelte abwesend mit den Beinen. Harm setzte sich neben sie, unsicher, was er sie wirklich fragen wollte.

"Du vermißt die Schule, stimmt's?" setzte er vorsichtig an.

Sie schaute zu ihm hinauf und zuckte die Schultern. [Ich vermisse meine Freunde], gestikulierte sie zur Antwort. [Ich vermisse es, daß jeder mich versteht. Ich meine, du verstehst mich, aber...]

"Ich weiß." Er seufzte. "Das wird alles bald vorüber sein. Ich versprech's dir. Aber wenn es soweit ist, werden sich ein paar Dinge ändern, und was immer auch passiert, ich möchte sicherstellen, daß es dir gutgeht. Also, hast du etwas dagegen, wenn ich dir jetzt ein paar Fragen stelle?"

Ein wenig wachsam schüttelte sie den Kopf.

"Okay. Weißt du, wo du geboren wurdest? In welchem Staat, meine ich?"

Sie bedachte ihn mit einem wegwerfenden Blick. [Im St.-Mary's-Krankenhaus in Ash Park, Illinois. Aber da haben wir nicht lange gewohnt. Ich kann mich nur an Virginia erinnern.]

"Dann können wir uns vielleicht aussuchen, wo du hinkommst. Du kannst hier wohnen bleiben, oder du könntest zurück nach Illinois. Gibt es da irgendjemanden, irgendwelche Verwandten, die du mit deiner Mom besucht hast? Omas, Tanten oder Onkel, irgendwen, bei dem du leben möchtest?"

Sie fing fast augenblicklich an, den Kopf zu schütteln. [Mein Dad hatte keine Brüder oder Schwestern, und Mom war...] Sie brach mitten in der Geste ab, um zu überlegen, welches das richtige Wort war. [So wie ich jetzt, glaub' ich. Sie hatte keine Mom und keinen Dad, also hat sich jemand anderes um sie gekümmert.]

"Ist sie adoptiert worden?" fragte Harm ruhig, aber das kleine Mädchen schüttelte den Kopf. "Ein Pflegekind?"

Sie nickte, und erneut war er erschüttert über die Tragweite der Tragödie. Alison Marks hatte es nicht wirklich leicht gehabt. Sie hatte es gegen alle Chancen zum Erfolg gebracht und ihrer Tochter das Heim gegeben, das sie selbst nie gehabt hatte. Jetzt, wegen irgendwelcher noch immer unaufgedeckter Vorgänge, war all das nicht mehr da. Er hatte keinen Zweifel, daß Rachel haargenau so stark war wie ihre Mutter, aber er wollte nicht zusehen, daß sie den gleichen Weg gehen mußte, wenn er darauf irgendwie Einfluß nehmen konnte.

"Rach, wenn du hierbleiben willst, wo deine Schule und deine Freunde sind, dann werde ich versuchen, das möglich zu machen. Ich möchte, daß du ein richtiges Heim hast und eine Familie, die dich liebhat..."

[So wie du?] Ihre unschuldige Frage ließ ihn einen Augenblick die Antwort schuldig bleiben. [Du hast mich doch lieb, oder?]

Wie lange hatte diesem Kind niemand mehr gesagt, daß er es liebte?

"Natürlich habe ich dich lieb, Kleines", flüsterte er und streichelte mit einem Finger sanft ihre Wange. "Du bist perfekt. Wie könnte ich dich nicht liebhaben?"

In ihren blauen Augen standen Tränen. [Wenn ich perfekt wäre, dann könnte ich hören], antwortete sie stockend. [Warum würde mich jemand haben wollen, wenn sie doch auch ein normales Kind haben könnten?]

Daraufhin warf er augenblicklich seinen Entschluß über den Haufen, seine Absichten vor ihr geheimzuhalten. "Ich möchte dich bei mir haben, Rachel", sagte er mit großer Überzeugung, damit sie es auch wirklich glaubte und verstand. "Wenn du mich haben magst und wenn alle sagen, daß es in Ordnung geht, dann kannst du mein kleines Mädchen sein. Würdest du das wollen? Denkst du, du könntest mich auch liebhaben?"

Während eines kurzen Augenblicks der Überraschung schien sie alles in ihrem Kopf zu sortieren. Dann stürzte sie genauso schnell nach vorn und schlang ihre Arme fest um seinen Hals. Während sie leise weinte, hörte er zum zweiten Mal in dieser Woche, seit sie sich kennengelernt hatten, ihre Stimme.

"Ich hab' dich lieb", murmelte sie wieder und wieder in seine Schulter, die Worte undeutlich, aber vollkommen ehrlich. "Ich hab' dich lieb."

Der Satz hätte nicht bedeutungsvoller sein können, wenn sie wirklich seine Tochter gewesen wäre. Tränen brannten auch in seinen Augen, und er hielt sie noch fester, überwältigt, wie einfach sich sein Leben vollkommen gedreht hatte.

Ein paar Minuten lang blieben sie dort sitzen, bis er ein paar Yards entfernt ein höfliches Husten hörte und aufsah. "Ich dachte, das würden Sie sehen wollen, Sir", sagte Bud ruhig und lächelte Rachel ermutigend zu. "Es ist ein offizielles Pressefoto von Captain Mason von vor ein paar Jahren."

"Wie haben Sie das so schnell aufgetrieben?" fragte Harm ein wenig ungläubig. Der jüngere Offizier lächelte wehmütig.

"Ich glaube, das wollen Sie nicht wissen. Sagen wir einfach, daß ich Sie um Hilfe bitten werde, wenn ich 'drüben im Pentagon wegen Bedrohung eines PR-Offiziers angeschwärzt werde."

"Sie sind ein echtes Wunder, Bud." Er machte sich vorsichtig von Rachel los, weil er nicht wollte, daß sie das Bild sah, solange sie nicht unbedingt mußte. Dann öffnete er die Akte, die Bud ihm hinhielt, und sah sich gründlich das Foto an, das darinlag. Ein Lieutenant der Marines in Klasse-A-Uniform erhielt eine Medaille von einem Ein-Sterne-General, und sie posierten für die üblichen Fotos. Er runzelte die Stirn. "Er ist blond."

"Ja, Sir. Rachel hat einen dunkelhaarigen Mann gesehen, richtig?"

"Richtig, aber das hat an und für sich nicht viel zu sagen. Ich denke, es gibt nur einen Weg, das herauszufinden." Er hielt einen Moment inne, um sich zu sammeln, und drehte sich dann vorsichtig zu ihr. "Rach, ich habe hier ein Bild von einem Mann, der mit deiner Mom zusammengearbeitet hat. Wenn dir das recht ist, hätte ich gern, daß du einen Blick darauf wirfst und mir sagst, ob das der Mann ist, den du in der betreffenden Nacht gesehen hast. Bist du bereit?"

Angst flackerte in ihren Augen auf, aber sie nickte langsam. Er öffnete die Mappe, und sie starrte lange auf das Bild, ohne daß in ihren Augen Anzeichen für ein Erkennen sichtbar geworden wären. [Er kommt mir bekannt vor], antwortete sie schließlich. [Aber er war's nicht.]

Harm atmete tief aus, erleichtert und gleichzeitig enttäuscht. Er hätte den Kerl so gern festgenagelt und alles über die Bühne gebracht, aber er fürchtete sich auch davor, sie wieder völlig zu verschrecken. "Vielleicht hast du ihn ein andermal gesehen, oder deine Mom hat ihn erwähnt?"

Sie schüttelte den Kopf. [Ich weiß nicht. Vielleicht war er einmal bei uns zuhause?]

"Aber er war kein Freund von deiner Mom?"

[Ich glaube nicht.]

Bud beobachtete ihre Reaktionen und seufzte. "Soviel zu meiner Intuition."

"Bleiben Sie 'dran, Sie haben mich auch neugierig gemacht. Dieser Kerl hatte vielleicht nicht den Finger am Abzug, aber das muß nicht heißen, daß er über jeden Verdacht erhaben ist. Welchen Grund könnte er haben, zu ihnen nach Hause zu kommen?" Harm studierte das Foto erneut. "Warten wir noch auf seine persönlichen Daten?"

"Ja, Sir... das Netzwerk 'drüben im Personalbüro hat ein Problem, also könnte es auch morgen werden."

"Typisch. Bud, Sie haben wiedereinmal meine vollständige und uneingeschränkte Bewunderung. Und nicht nur, weil Sie dem PR-Büro gedroht haben."

Bud schaute hinab auf das kleine Mädchen, das sich an den Commander klammerte, und begann zu verstehen. Es gab nicht viele Felder, auf denen er mehr Erfahrung hatte als sein Vorgesetzter, aber die Familie war eines davon. "Das ist es wert, nicht wahr, Sir?" fragte er wissend. "All das Chaos und die Sorgen und so weiter?"

"Wahrhaftigere Worte wurden nie gesprochen", antwortete Harm ehrlich.


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"Rach, es ist halb neun", sagte er geduldig etwas später am Abend, als sie sich in eine Ecke der Couch kuschelte. "Das letzte Mal, als ich nachgelesen habe, war das die Zeit zum Schlafengehen."

[Ich mag nur noch das Buch hier fertiglesen.] Wenn Gebärdensprache hätte einen bestimmten Tonfall annehmen können, war sie gefährlich nahe daran zu maulen. [Warum kann ich nicht nur noch ein paar Minuten aufbleiben?]

"Weil es das letzte Mal, als du um ‚nur noch ein paar Minuten' gebeten hast, vierzig Minuten geworden sind und wir am nächsten Morgen spät 'dran waren. Komm schon. Zeit fürs Bett."

Sie sah auf ihr Buch hinunter und tat so, als hätte sie seine Ermahnung nicht gesehen. Harm schloß entschieden das Buch um ihr Lesezeichen, und als sie aufblickte, ließ sein Gesichtsausdruck keinen Raum für Diskussionen. [Rachel Anne. Bett. Jetzt.]

Mit mürrischer Miene stapfte sie in Richtung Schlafzimmer, und er seufzte. Es war verdammt schwer, sie nicht alles tun zu lassen, was sie wollte, nach alldem, was sie durchgemacht hatte. Aber Nachgeben würde ihr nicht weiterhelfen. Es würde ihr nicht ihr früheres Leben zurückgeben, und auf lange Sicht würde es nur den Versuch erschweren, irgendeine Art von Normalität aufzubauen.

In diesem Moment jedoch ließ ihn ihr typisch kindliches Benehmen darüber nachdenken, ob ihre Reaktionen von vorher vielleicht von ebenjenem jungen Temperament gefärbt gewesen waren. War er dumm gewesen, ihre Gefühlsbewegungen so ernst zu nehmen? Konnte sie ihn wirklich nach so kurzer Zeit so vollkommen akzeptieren?

Die nagenden Zweifel traten sofort in den Hintergrund, als er ins Schlafzimmer trat, um sie zuzudecken, und sie ihm prompt ihre Arme für eine Umarmung entgegenstreckte. Er schickte ein kurzes Dankgebet zum Himmel und gab eilig nach. Er hob eine Hand, spreizte den Daumen, den Zeigefinger und den kleinen Finger ab und bildete so das allgemeingültige Zeichen für ‚Ich liebe dich.'. Rachel wiederholte es und legte ihre Hand an seine. [Eines Tages hab' ich ein eigenes Bett, dann kriegst du deins zurück.]

"Und wenn wir Glück haben, dann sind wir nur ein paar Zimmer von einander entfernt", sagte er und wuschelte ihr durchs Haar. "Gute Nacht, mein Liebling."

Immer noch ein wenig aufgebracht über die leichte Konfrontation, wie kurz sie auch gewesen sein mochte, durchquerte er die Wohnung und ließ sich auf die Couch fallen. Er nahm das Telefon, und genau zwei Ruftöne später antwortete sein rettender Engel. "Hallo?"

"Hi", sagte er leise. "Ich bin's nur. Ich will bestätigt bekommen, daß ich noch nicht den Verstand verloren habe."

"Wenn du ihn nach all dieser Zeit noch hast, dann bezweifle ich stark, daß du ihn jetzt verlierst", antwortete Mac leichthin. "Was ist los? Macht dir Rachel Probleme?"

"Nichts Schlimmes, aber wenn es um sie geht, dann rüttelt mich einfach alles durch." Er rieb sich erschöpft die Augen. "Ich denke, die unglaubliche Menge an Verantwortung, die auf mich wartet, schüchtert mich bisweilen ein."

"Die auf uns wartet", erinnerte sie ihn sanft. "Auf uns beide. Wir haben das mit den Dingen, die die nationale Sicherheit angehen, doch eigentlich immer gut hinbekommen. Ich denke, wir kriegen auch eine Siebenjährige in den Griff."

"Dann hast du also überhaupt gar keine Angst?"

"Das hab' ich nicht gesagt."

Er lächelte wehmütig. Einfach nur mit ihr zu reden, reichte schon aus, um seine Stimmung zu heben. Warum zum Teufel hatten sie so lange gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen? "Nun, was hatte Webb heute nachmittag zu sagen?"

"Es klang so, als würde er an unserer Theorie, daß Mason in die Sache verwickelt ist, ein wenig zweifeln. Aber er will das interne Computersystem der Agency überprüfen, um herauszufinden, ob er oder die Ereignisse, von denen Bud erzählt hat, irgendwo erwähnt werden. Vielleicht können wir irgendeine Verbindung herstellen."

"Eine Verbindung ist eine Sache, aber konkrete Beweise sind eine ganz andere. Wir können niemanden beschuldigen, wenn wir sie hinterher einfach wieder freilassen müssen. Verdammt, wenn Mason da mit 'drinsteckt, dann kann jeder Hinweis auf diese Spur etwas lostreten, was wir lieber vermeiden würden."

"Ich weiß. Diese ganze Sache scheint einfach nirgendwo hinzuführen." Mac seufzte. "Wir haben die erste Frage noch immer nicht beantwortet. Warum Commander Marks? Sogar, wenn wir rechthaben und Mason tatsächlich mit irgendwelchen Extremisten zusammenhängt, welchen Grund hätte er dann, sie umzubringen?"

"Ich habe immer noch keine Ahnung. Wenn sie etwas Gefährliches herausgefunden hat, dann hat sie es gut verschwiegen. Ich weiß nicht - es fühlt sich einfach irgendwie falsch an, als ob diese ganze Sache ein Riesenschlamassel wäre. Meinst du, das kann sein? Daß das alles ein Fall von Identitätsverwechselung war und jemand jetzt einfach versucht, seine Spuren zu verwischen?"

"Aber es ist jemand in die Kharasala-Datenbank eingedrungen. Ich glaube kaum, daß das nur ein Zufall war."

Harms Aufmerksamkeit war jedoch abgelenkt worden: Seine Gedanken überschlugen sich. "Mac, ich muß gerade einmal etwas durchdenken", sagte er plötzlich. "Kann ich dich in ein paar Minuten zurückrufen?"

"Versprochen?"

"Fünfzehn Minuten. Ich versprech's dir."

"In Ordnung. Bye."

Als er aufgelegt hatte, griff er nach seiner Aktentasche und öffnete die Mason-Akte noch einmal, fest entschlossen, sie mit anderen Augen anzusehen. Ganz weit hinten in seinen Gedanken lag ein Schimmer von irgendetwas. Eine leise Stimme sagte ihm, daß die Aufklärungsdaten nicht das Motiv für den Mord gewesen waren. Wenn nun die geknackten Daten einfach ein Ablenkungsmanöver gewesen waren, oder eine direkte Falle... vielleicht hatten sie es mit einem schlaueren, viel schwierigeren Gegner zu tun, als sie angenommen hatten.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach jäh seinen Gedankengang. Er öffnete und stand einer Marine-Wache gegenüber, die mit einem leicht nervösen Gesichtsausdruck im Hausflur stand. "Guten Abend, Sir, ich bin Corporal Monroe - ich bin heute abend Ihr Sicherheitsbeamter. Ich, äh... ich habe mich gefragt, ob ich wohl eine Tasse Kaffee haben könnte."

Harm lächelte. "Ich denke, das ist das Wenigste, was ich tun kann. Kommen Sie herein." Der Corporal sah erleichtert aus, als er die Tür hinter sich schloß. "Wo ist Perkins?"

"Ähm, der hat heute abend keinen Dienst, Sir. Sie müssen mit mir Vorlieb nehmen." Als der ranghöhere Offizier die Kaffeemaschine betätigte, steckte Monroe die Hände tief in die Taschen seines Kampfanzugs. Er schien verlegen. "Hören Sie, Commander, ich schlafe nicht etwa ein während meiner Wache oder so. Ich könnte nur das Koffein ganz gut gebrauchen, wissen Sie?"

"Entspannen Sie Sich, Corporal. Ich kann ihr Problem verstehen." Harm holte zwei Tassen aus dem Küchenschrank. "Das kann nicht der aufregendste Dienst sein, den Sie je geschoben haben."

"Hey, ich kann mich nicht beklagen, Sir. Es ist besser als Toilettenputzen." Monroe zuckte die Schultern. "Die Kleine, geht's ihr gut?"

"Ich denke schon. Wir wünschen uns alle nur, daß das hier bald vorüber ist." Harm goß den Kaffee ein und gab der Wache eine Tasse. Als das Telefon klingelte, verdrehte er die Augen: Vermutlich war das seine zum Verrücktwerden pünktliche Partnerin. "Entschuldigen Sie mich einen Augenblick." Er ging für einen Moment aus der Küche, um abzunehmen, aber als er ans Telefon ging, hörte er am anderen Ende nur einen Wählton. Oder vielleicht war es gar nicht Mac gewesen. "Wie auch immer. Bei Ihnen alles in Ordnung?"

"Darauf können Sie wetten, Sir. Nochmals vielen Dank." Monroe ergriff seine Tasse und ging zur Tür. "Ich hänge da draußen 'rum, falls Sie mich brauchen."

Als er gegangen war, nahm Harm seine eigene Tasse mit zurück zum Schreibtisch und starrte lang und kritisch auf die Kommandostruktur des Geheimdienstbüros der Vereinigten Institutionen. Da konnte es immer noch eine andere Verbindung geben, etwas, das über die Satellitendaten hinausging. Niemand außerhalb dieses Büros hätte auf diese Daten zugreifen können, oder? War da noch etwas, was sie übersehen hatten? Irgendwo, irgendwie...

Der Anruf bei Mac war vorübergehend vergessen, als er nochmals die Akten des J-2-Stabes durchging. Es dauerte nicht lange, bis die sich ständig wiederholenden Querverweise ihn zu ermüden begannen und der Text vor seinen Augen verschwamm. Verdammt, ich werde alt. Es ist noch nicht einmal 2200. Vielleicht war Monroe nicht der Einzige gewesen, der Koffein gebraucht hatte.

Als er aufstand, um seine Tasse aufzufüllen, schwankte der Raum gefährlich, und er mußte sich am Schreibtisch festhalten. Okay, was zum Teufel...? Trotz seiner plötzlichen Unfähigkeit, klar zu denken, war auf einmal offensichtlich, daß irgendetwas sehr faul war. Er stolperte und fiel auf die Knie, als der Schwindel ihn überwältigte. Die Tasse rutschte ihm aus der Hand und zerbrach auf dem harten Dielenboden; und in diesem Moment fiel ihm durch den sich verdichtenden Nebel in seinem Kopf ein, daß Rachel noch immer völlig ahnungslos im Nebenzimmer schlief.

Er versuchte, sich nach dem Telefon auszustrecken, aber sein Körper gehorchte seinen Befehlen nicht mehr. Als die Dunkelheit ihn übermannte, war der letzte zusammenhängende Gedanke in seinem Kopf ein angsterfülltes, verzweifeltes Gebet, daß sie irgendwie in Sicherheit sein möge.

...Rachel wachte vom schwachen Schein der Badezimmerbeleuchtung auf und brauchte einen Moment, um ihre Umgebung zu erkennen, wie schon häufiger in der vergangenen Woche. Sie kletterte aus dem Bett und machte sich auf die Suche nach einem Glas Wasser, als sie plötzlich ein beängstigendes Gefühl beschlich. Wenn sie mit dem Ausdruck ‚Déjà-Vu' schon etwas hätte anfangen können, hätte sie es wohl einordnen können. So war jedoch der einzige Gedanke, der sich in ihrem jungen Gemüt manifestierte, der, daß irgendetwas nicht stimmte.

Wo war Harmon? Durch die Wohnung hindurch konnte sie sehen, daß seine Schreibtischlampe noch immer brannte. Die Couch war leer, doch ihr Fürsorger war nirgends in Sicht. Sie hatte nicht sofort Angst: Sie vertraute ihm, und sie wußte mit der Überzeugung eines Kindes, daß er sie nicht verlassen würde. Aber sie mußte sich dessen versichern, und so ging sie leise die Stufen hinunter, um sich eine einfache Umarmung abzuholen.

Ein wortloser Schrei kam über ihre Lippen, als sie seine reglose Gestalt erblickte, die auf dem Boden ausgestreckt dalag. All die furchtbaren Erinnerungen an jene andere, grausame Nacht brachen über sie herein, und sie zitterte schrecklich, während ihr Tränen in die Augen stiegen. Er konnte nicht tot sein - er konnte nicht...

Das kleine Mädchen lief schnell zu ihm und legte ihren Kopf auf seine Brust, wo sie das langsame, aber stetige Pochen seines Herzens fühlte. Es war kein Blut zu sehen: Es war ihm nicht so ergangen wie ihrer Mutter. Doch sie wußte, daß er Hilfe brauchte, und sie griff sofort nach dem Telefon.

Als ihr Finger schon über der ‚9' schwebte, kam ihr eine andere Idee, und sie entschied sich dafür. 911 würde helfen, aber da gab es jemanden, der vielleicht noch besser wußte als die, was zu tun war. Sie suchte auf der Speicherliste nach einem bekannten Namen, drückte den Knopf und begann, immer wieder und wieder ein und dasselbe Wort zu wiederholen: "Hilfe."

Sie hatte keine Ahnung, ob am anderen Ende jemand geantwortet hatte, und sie wußte nicht, wie ihre eigene Stimme klang, aber sie hatte das Wort oft genug von anderen geformt gesehen. Vielleicht würde das ausreichen, um sich verständlich zu machen. Ein sich verbreiternder Lichtstrahl tauchte an der Wand auf, als sich die Vordertür zu öffnen begann, und zitternd ließ sie in höchster Angst das Telefon fallen. Der Mann, der dort stand, trug einen Kampfanzug der Marines, und sein Haar war viel kürzer, aber als sie ihn sah, versetzte der Anblick sie sofort zurück in das Haus in Arlington, wo sie oben an der Treppe gestanden und zugeschaut hatte, wie er ihr für immer ihre Mutter weggenommen hatte.

Er schloß die Tür, bückte sich, um das Telefon aufzuheben, und schaltete es aus. "Was wolltest du denn hiermit anfangen, Rachel?" fragte Corporal Monroe unfreundlich. "Was hast du denn gedacht, wer dir helfen kann, wenn du ihnen nicht sagen kannst, wo das Problem liegt? Deine gute Fee?"

...Mac trommelte mit den Fingern auf die Armlehne ihrer Couch. Sie wurde langsam ungeduldig. Vielleicht sollte sie ihn einfach selbst zurückrufen. Er hatte fünfzehn Minuten gesagt, und jetzt waren es fast achtunddreißig. Wenn er irgendwo tief 'drinsteckte, wollte sie ihn nicht stören, aber es wurde spät, und außerdem hatte er es schließlich versprochen.

Als sie die Hand nach dem Telefon ausstreckte, klingelte es und überraschte sie damit ein wenig. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, Flieger-As", antwortete sie, aber die Stimme am anderen Ende war nicht die von Harm. Es war ein verängstigtes kleines Mädchen, das ein Wort wiederholte, das sie nicht ganz verstand. "Rachel? Was ist los?" fragte sie instinktiv. Sekundenbruchteile später kam ihr Gehirn ihrer Sprache hinterher. Rachel konnte sie nicht hören. Wenn das Mädchen überhaupt ein Telefon benutzte, bedeutete das, daß Harm nicht da war oder es nicht selbst tun konnte.

Oh, Gott...

Ein abruptes Klicken beendete die Verbindung, und Mac sprang auf die Füße und eilte zu der verschlossenen Kiste, die sie in ihrem Schrank hatte. Während sie noch mit einer Hand das Schloß öffnete, wählte sie mit der anderen die Nummer der örtlichen Marine-Sicherheitsabteilung. "Ja, mein Name ist Lieutenant Colonel Sarah Mackenzie, JAG-Hauptquartier. Ich brauche sofort ein Sondereinsatzkommando zu folgender Adresse..." Sie diktierte Harms Anschrift, während sie ihre Dienstwaffe und Reservemunition aus der Kiste nahm. "Ich weiß sehr wohl, daß Sie schon einen Mann 'drüben haben. Schicken Sie noch mehr. Jetzt."

Ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb, als sie die Waffe in ihren Hosenbund steckte und nach den Autoschlüsseln griff, plötzlich sehr dankbar, eine Corvette zur Verfügung zu haben. All ihre Bemühungen, den Killer zu finden, waren vergeblich gewesen, wenn er sie bereits gefunden hatte. Sie versuchte, nicht an die morbiden Möglichkeiten dessen zu denken, was am anderen Ende der Stadt passieren mochte, und flog förmlich zur Tür hinaus. Haltet durch, ihr beiden.

...Monroe bewegte Harms Körper mit seinem Fuß, ein zufriedenes Grinsen auf den Gesichtszügen. "Sie sollten Sich schämen, Commander", belehrte er den bewußtlosen Offizier überheblich. "Sie haben mich nicht einmal nach meinem Ausweis gefragt, bevor Sie mich hereingelassen haben. Wissen Sie, das Gute am Kaffee ist, daß er so stark vorschmeckt, daß man so ziemlich alles hineintun kann, ohne daß irgendwer etwas merkt. Gut, daß Sie ein Anwalt sind - bei Spezialeinheiten oder beim Geheimdienst hätten Sie keine Woche überlebt."

Er öffnete die kleine Umhängetasche, die er dabeihatte, und zog einen normalen Schalldämpfer heraus, den er auf seine Pistole aufschraubte. "Das hier sollte dich auf einen schönen Spielplatz schicken", sagte er zu Rachel, die sich gegen den Tresen drückte. "Auf diese Weise wird keiner hören, wenn ich dich erschießen muß. Macht dich das nicht froh?" Sein grausames Lachen hallte durch den großen Raum.

Rachels Gedanken schwankten zwischen Angst und Haß. Sie hatte noch nie zuvor Erfahrungen mit dem Bösen in der Welt gemacht, bis dieser Mann in ihr Leben eingebrochen war. Sie verstand nicht, weshalb er ihr und allen, die sie liebte, wehtun wollte. Aber als er wieder in die Tasche griff, bemerkte sie einen Schatten, der durch das Licht huschte, das durch den Türspalt fiel. In der Hoffnung auf Rettung hielt sie den Atem an.

Die Tür wurde aufgestoßen, und Monroe wirbelte herum, um direkt in die Mündung einer Beretta und in den stählernen Blick ihrer Eigentümerin zu schauen. Mac überblickte die Situation sofort und zwang sich, nicht zu reagieren, als sie die leblose Form des Mannes, den sie liebte, am Boden liegen sah. "Wir kennen uns noch nicht", sagte sie kühl. "Ich glaube nicht, daß Sie mir verraten möchten, wer zum Teufel Sie sind?"

Unglücklicherweise hatte er schnell reagiert und schon, als er sich noch zu ihr umdrehte, seine Waffe auf Harm gerichtet. "Wenn ich Sie wäre, würde ich sehr gründlich über meine nächste Bewegung nachdenken", gab er genauso ruhig zurück. "Noch ist der Commander nicht tot, aber das könnte ich ganz schnell in Ordnung bringen."

"Sind Sie deshalb hergekommen? Um noch ein paar Leute mehr mit Kugeln vollzupumpen?"

"Nein, ich bin hergekommen, um einen Kurzschluß zu verursachen und das Gebäude abzufackeln. Kugeln sind Plan B."

"Keines von beidem wird Ihre Spuren ewig verwischen. Wir haben Freunde, die nicht so leicht aufgeben."

"Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit, indem Sie versuchen, mich einzuschüchtern, Colonel. Ich mache das hier schon seit einer ganzen Weile." Als ein Flackern in ihren Augen ihre Überraschung verriet, schüttelte er den Kopf. "Glauben Sie, ich bin blöd? Ich weiß, wer Sie sind. Ich weiß auch, daß es für Sie vollkommen glaubhaft wäre, Ihren ‚Partner' spät nachts noch zu besuchen. Zum Teufel, vielleicht schiebe ich die Schuld am Feuer auf Sie."

Zur Antwort spannte Mac den Hammer. "Glauben Sie wirklich, Sie kriegen dazu Gelegenheit?"

"Oh, sicher kriege ich die. Sehen Sie, ich lerne aus meinen Fehlern, Colonel Mackenzie. Ich war beim letzten Mal nachlässig - ich habe meine Informationen nicht so überprüft, wie ich es hätte tun sollen, also habe ich mir das Mädchen nicht sofort dort vorgeknöpft. Aber bei Commander Rabb habe ich meine Hausaufgaben gemacht, und bei all Ihren kleinen Abenteuern, die Sie zusammen hatten. Und ich wette, daß Sie nicht fähig sind, einfach dort zu stehen und zuzusehen, wie ich ihn erschieße." Er zielte sorgfältig auf Harms Kopf; sein Blick war kalt. "Nehmen Sie die Wette an?"

Das ansehen zu müssen, versetzte Rachel in Aktion. Mit kindlicher Kurzsichtigkeit - oder vielleicht mit Idealismus - rannte sie zu Harm und warf ihren kleinen Körper über seinen, als ob sie glaubte, ihn wirklich dadurch schützen zu können. Monroe gluckste. "Das ist so süß, daß ich kotzen möchte. Lassen Sie fallen, Colonel. Oder sie sind beide gleich hinüber."

Sie konnte sehen, daß er es tun würde: Selbst wenn sie schoß, würde er diesen Schuß noch abfeuern können. Wenn sie ihre Waffe loswäre, würde ihm das die Situation verschaffen, die er haben wollte, aber vielleicht würde sie auch in der Lage sein, genug Zeit herauszuschlagen, um sich etwas einfallen zu lassen. "In Ordnung", sagte sie und bückte sich langsam, um die Waffe abzulegen. "Sie haben gewonnen."

"Das tue ich normalerweise." Er bedeutete ihr, sie solle sich neben den Schreibtisch hinsetzen, ganz nahe bei der Stelle, an der Harm hingefallen war. Nachdem sie sich davon überzeugt hatte, daß Harm tatsächlich am Leben war, küßte sie Rachel beruhigend auf die Stirn und scannte die Umgebung nach irgendetwas, das sie als Waffe benutzen konnte. Die Scherben der Kaffeetasse waren in der Nähe verstreut, aber sie sahen nicht scharf genug aus, um von Nutzen zu sein. Sie seufzte und beobachtete, wie ihr Kidnapper zum Sicherungskasten ging, die Waffe immer noch auf sie gerichtet.

"Also, warum Alison Marks?" fragte sie sachlich. "Hat sie von Ihren Kumpels in Afrika erfahren oder was?"

"Ich habe keine ‚Kumpels', Colonel. Ich stecke da nicht mit 'drin zur Ehre Allahs oder für ähnlichen ideologischen Quatsch. Ich halte nur nach dem Meistbietenden Ausschau, und in dieser Woche war das Habr Gidr."

Mac hielt ihren Gesichtsausdruck vorsichtig neutral, während ihre Gedanken Karussell fuhren. Er hatte Kharasala überhaupt nicht erwähnt. Habr Gidr war einer der Clans, die Somalia beherrschten, eine korrupte und instabile Gruppe, die einst vom Warlord Aidid geführt worden war. Seit dem Debakel von Mogadischu 1993 hatten sich die amerikanischen Streitkräfte aus der Region zurückgezogen, aber die jüngsten Schlachten gegen den Terrorismus hatten Somalia wieder in den Blickwinkel der Welt gerückt.

Das machte keinen Sinn. Wenn dieser Typ nicht derjenige war, der in den Kharasala-Akten herumschnüffelte, wer war es dann?

"Und Marks wußte davon?"

"Ich habe keine Ahnung, was sie wußte, und es ist mir auch egal. Tatsache ist, daß sie mit den falschen Leuten geredet hat und daß ich mich nicht an die Jungs von der Agency verraten lassen wollte, soweit ich es verhindern konnte."

In diesem Moment kochte in ihr eine solche Wut, daß für etwas anderes kein Raum mehr blieb. Dieser Mann glaubte an gar nichts. Er verkaufte Informationen, die Art von Informationen, die das Leben seiner Landsleute gefährdeten. Und als eine Person nahe genug herangekommen war, um seinen Verrat zu entlarven, hatte er sie einfach beseitigt, ohne auch nur zu blinzeln.

Ich hätte dich umlegen sollen, als ich die Chance dazu hatte, dachte sie mit Mordgelüsten in seine Richtung.

Monroe - oder wer immer er war - durchquerte den Raum und stand über ihnen dreien. Aus einer Tasche seines Kampfanzugs zog er eine Subkutan-Spritze und zog herausfordernd eine Augenbraue hoch. "Also, so funktioniert die Chose. Sie kriegen eine Dosis von demselben Zeug, das den guten Commander umgehauen hat, und Sie tragen es wie ein Marine, oder das Mädchen tritt in Mamis Fußstapfen. Einfach genug?"

"Sie haben ja nicht den Hauch einer Ahnung, was es heißt, ein Marine zu sein", sagte sie leise, schäumend vor Wut.

"Ja, ja, semper fi. Sie brechen mir wirklich das Herz." Er kniete sich neben Rachel und zielte mit der Waffe auf sie. Mac streckte ihren Arm aus. Trotz leuchtete in ihren Augen. "So ist es besser. Gute Nacht, Colonel."

Sarah Mackenzie hatte schon immer ein großartiges Timing besessen.

Als er die Nadel auf der Haut aufsetzte, ließ sie in einer eigentümlichen Variante ihrer liebsten Kickbox-Kombination gleichzeitig ihren Arm und ihr Bein hochschnellen. Ihr Unterarm traf die Waffe, und ihr Fuß erwischte ihn glatt unter dem Kinn. Die Waffe ging los und feuerte harmlos in die Wand. Er fiel nach hinten, als sie auf ein Knie rollte und die Nadel in seinen eigenen Arm rammte. Er riß die Augen weit auf, als er begriff, was passiert war, aber das schnell wirkende Betäubungsmittel war bereits in seinen Blutkreislauf eingedrungen, und seine Gliedmaßen schienen nicht mehr zu funktionieren.

Mac hielt ihn mit einem Arm auf seinem Hals und einem Knie auf seinen Rippen in Schach und schaute dann die erstaunte Rachel an. "Rach, geh' bitte ins andere Zimmer", bat sie ruhig. Das kleine Mädchen gehorchte, kletterte auf die Füße und rannte, um ihr Gesicht in ihrem geliebten Teddy zu vergraben. Mac lehnte sich hinunter und sprach in einem Ton, mit dem man hätte Glas schneiden können, in das Ohr des Mannes. "Ich wollte nicht, daß sie sieht, was ich Ihnen antun werde, Sie miserables, kleines Stück Scheiße. Sie hat Ihretwegen schon genug traumatische Erfahrungen gemacht. Aber gerade jetzt bin ich extrem verärgert, und da hier niemand in der Nähe ist, der mich davon abhalten könnte, werden Sie jetzt herausfinden, wie extrem verärgert ich wirklich bin."

Er war noch immer bei Bewußtsein, und die Angst in seinen Augen war auf perverse Art befriedigend. Sie hatte nicht vor, ihn zu töten: Obwohl es furchtbar einfach sein würde, diesem dunklen Drängen nachzugeben, wußte sie, daß sie besser war, als das zu tun. Und doch... Sie nahm seine Waffe und untersuchte sie eine Sekunde lang, um ihn schwitzen zu lassen. Dann richtete sie sie gegen seinen Kopf. Die Wucht ihrer Bewegung war aus purem Haß geboren.

"Ihnen auch eine gute Nacht, Sie Arschloch", spie sie; ihre Stimme triefte von Verachtung.

Die ganze Sache hatte weniger als eine halbe Stunde gedauert, aber sie fühlte sich, als ob sie über Tage unter Adrenalin gestanden hatte. Mac ließ sich einen Moment lang zurücksinken und schloß die Augen. Dann schob sie Monroes Körper zur Seite und zog Harm, der sich noch immer nicht bewegte, in ihre Arme. "Komm schon, Flieger-As", flüsterte sie und streichelte mit sanfter Hand seine bleichen Gesichtszüge. "Der Spaß ist vorbei. Komm zurück, okay?"

Sie küßte ihn auf die Wange, aber er rührte sich nicht. Was immer das für eine Droge war, es mußte ziemlich hochwertiger Stoff gewesen sein. Aufruhr im Hausflur kündigte die Ankunft des Marine-Einsatzkommandos an, und Mac schüttelte den Kopf, ohne sich die Mühe zu machen, ihre gegenwärtige Position zu verlassen. "Ihr seid ein bißchen spät 'dran, Leute. Aber tut mir bitte den Gefallen und schaltet auf diesem Stockwerk den Strom ab. Der Bastard hat an den Sicherungen herumgespielt."

Während die Marines das Gebäude sicherten, betrat Clayton Webb das Apartment und besah sich die Situation. "Ist er in Ordnung?" fragte er mit einem Stirnrunzeln, als er den Navy-Offizier schlaff in ihrem Schoß liegen sah.

"Ich denke, er wird in Ordnung sein, sobald die Drogen aus seinem System heraus sind. Was tun Sie denn hier, Webb?"

"Sie haben die Marines angerufen, die Marines haben J-2 angerufen, und J-2 hat mich angerufen. Der CIA-Deputy stand über dem überwältigten Verräter. "Scheiße. Ich schulde Ihnen 20 Dollar, Captain."

Mac blickte auf und sah einen weiteren Offizier hereinkommen, einen Mann in der Klasse-A-Uniform der Marines mit einem Namensschild, auf dem stand: ‚Mason'. Sie kniff die Augen zusammen. "Irgendjemand sollte mir besser erzählen, was zum Teufel hier vor sich geht."

"Lieutenant Colonel Sarah Mackenzie, Captain Robert Mason."

Mason bückte sich und gab ihr die Hand. "Ma'am, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut, daß die Sache so gelaufen ist. Wir hatten gehofft, wir könnten ihn ausräuchern, bevor er die Gelegenheit haben würde, etwas wie das hier zu tun."

Immer noch leicht wachsam ergriff sie seine Hand: Bis vor einer Stunde war er ihr Hauptverdächtiger gewesen. "Webb. Nun reden Sie schon."

Webb atmete tief durch. "Captain Mason hat einen doppelten Job. Er arbeitet für J-2, aber er wird auch von uns bezahlt. Wir haben schon seit einer ganzen Weile vermutet, daß innerhalb von J-2 jemand Informationen verkauft, aber wir hatten keine Beweise. Dann wurde Commander Marks tot aufgefunden, und Sie haben angefangen, Fragen über das Personal zu stellen... Wir wollten den Verkäufer nicht warnen, also hat sich Mason Zugang zu einigen Verschlußakten verschafft und allgemein versucht, sich so verdächtig zu machen, daß der wirkliche Informationsverkäufer aufatmen konnte."

"Okay, das kann ich Ihnen abnehmen. Aber mußten Sie uns das unbedingt auch glauben lassen?"

"Tut mir leid. Ich habe ja versucht, Sie zu warnen, daß Captain Mason eine Sackgasse war."

Mac schüttelte erschöpft den Kopf. "Also, wer ist dieser Kerl denn nun eigentlich?"

"Sein Name ist Anthony Laskin", erklärte Mason. "Er ist ein Petty Officer First Class und arbeitet als Verwaltungsbeamter bei J-2. Davor hat er einige Zeit beim CENTCOM-Stab gedient. Wir nehmen an, daß er sich im Golf ein paar Freunde gemacht hat, die ihm gezeigt haben, wie lukrativ der Handel mit Informationen sein kann."

"Und ich hatte all mein Geld auf einen von den Satellitentechnikern gewettet", grummelte Webb. "Offenbar hatte Marks für den Tag nach ihrem Ableben ein Treffen mit ihrem C.O. vereinbart, um ein paar persönliche Dinge zu besprechen. Einige Leute aus der Führungsetage sollten auch dabeisein. Laskin ist vermutlich nervös geworden, weil er dachte, sie hätte etwas gegen ihn in der Hand."

"Hatte sie denn?"

Er seufzte. "Ich bezweifle, daß wir das je herausfinden."

Als ein paar Sanitäter hereinkamen, um Harms Zustand zu untersuchen, stand Mac auf und ging ins Schlafzimmer. Sie fand Rachel zusammengekauert auf dem Bett mit dem Kopf unter dem Kissen. Mac setzte sich neben sie und berührte sie sanft an der Schulter, und das kleine Mädchen sah zu ihr auf, Angst wie auch Hoffnung in ihrem Blick. "Es ist vorbei, Liebling. Wirklich vorbei. Niemand wird dir je wieder wehtun oder hinter dir hersein."

Rachel berührte mit dem Daumen ihre Schläfe, die Finger abgespreizt, und Mac erinnerte sich an die Bedeutung der Geste. "Er kommt wieder in Ordnung. Die Ärzte untersuchen ihn jetzt, und sie haben gesagt, daß wir mit ihnen mitfahren können. Dann sind wir da, wenn er aufwacht. Ist das in Ordnung?"

Die Kleine nickte und legte ihren Kopf auf die Schulter des Colonels. Mac schlang ihre Arme um sie, und all die Spannung und das Chaos der vergangenen Tage schmolz ab, als sie sich aneinander festhielten. Für Rachel war der Albtraum noch nicht völlig vorbei. Er würde nie völlig vorbei sein, denn die Frau, die sie zur Welt gebracht hatte, würde niemals zu ihr zurückkommen. Aber jetzt würde sie endlich nicht mehr über ihre Schulter zurückschauen müssen. Als Mac auf ihr engelsgleiches Gesichtchen hinuntersah, fragte sie sich, ob der Heilungsprozeß vielleicht schon begonnen hatte.


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Sein Kopf dröhnte höllisch. Eine ganze Weile hindurch war das alles, was Harm wahrnahm. Dann schien langsam ein Stückchen Erinnerung an jene letzten Minuten durch, bevor er ohnmächtig geworden war, und die schiere Verzweiflung ließ ihn sich zwingen, die Augen zu öffnen.

"Entspann' dich, entspann' dich ruhig", redete Mac sanft auf ihn ein, als sie seine Furcht spürte. "Es ist alles in Ordnung."

Er nickte schwach und schluckte ein paarmal, um seine Stimme wieder halbwegs zum Funktionieren zu bringen. Als er den Kopf drehte, konnte er sehen, daß sie an seinem Bett saß - definitiv ein Krankenhaus. "Was... ist hier los?" krächzte er.

Sie drückte ermutigend seine Hand. "Du bist von deiner sogenannten Marine-Wache unter Drogen gesetzt worden. Rachel hat dich gefunden und mich angerufen. Ich bin gerade rechtzeitig aufgetaucht, um den Kerl dabei zu erwischen, wie der die Wohnung mitsamt euch beiden abfackeln wollte. Ich erzähle dir später den Rest. Sagen wir nur soviel: Er fühlt sich vermutlich im Moment ziemlich ähnlich wie du."

"Sie... hat dich angerufen?"

"Ja, das hat sie. Schlaues Mädel, nicht wahr? Sie machen gerade ein paar Tests mit deinem Blut, nur für alle Fälle, und sie wollen dich über Nacht hierbehalten. Aber morgen habe ich einen Kubikmeter Papierkram für dich."

Er schloß einen Moment lang die Augen und wünschte, sein Kopf würde aufhören zu puckern. "Warum kann ich... meinen Arm nicht bewegen?"

Mac lächelte. "Weil Rachel 'drauf schläft."

Er veränderte seine Lage leicht und sah auf die Kleine hinunter, die, immer noch im Nachthemd, neben ihm zusammengerollt auf dem Bett lag. Aller Schmerz war sofort vergessen, und er streckte die Hand aus, um ihr zerzaustes Haar zu streicheln. "Dann ist jetzt alles vorbei?"

Rachel bewegte sich, und ihre Augen leuchteten auf, als sie sah, daß Harm wach war. "Hi, Liebes", sagte er mit einem Lächeln, während er seine Hand aus der Decke schälte, um mit ihr reden zu können. "Bitte, verzeih' all die Aufregung."

Ihre Hände flogen förmlich, und er mußte seine gesamte Konzentration aufwenden, um ihre Worte zu übersetzen. "Ja, ich weiß", antwortete er sanft und warf seiner Partnerin einen verstohlenen Blick zu. "Miss Mac ist auch mein Held."

Das Lob des Kindes ließ Mac erröten. "Das war nur Glück", sagte sie schlicht. "Ich dachte, ich nehme Rachel heute abend mit zurück zu dir, vorausgesetzt, daß die Agency und der NCIS dort mit allem fertig sind. Ich dachte, wir bleiben beide da und kommen dann morgen früh als erstes, um dich zu holen. Ist das in Ordnung?"

"Sicher. Nur laß' den Kaffee lieber stehen."

"Deinen Kaffee trinke ich eh' nicht. Der ist schwach."

Er bedachte sie mit einem scherzhaft ungehaltenen Blick. Doch als sie sich zu ihm herunterbeugte, um ihn zu küssen, verschwand der Ausdruck sofort. Rachel beobachtete sie für einen Augenblick. Als sie den Kuß unterbrachen, bewegten sich erneut ihre Hände.

[Du hast gesagt, wenn der böse Typ weg ist, kriege ich meine neue Familie. Passiert das jetzt?]

Harm war nicht sicher, ob er in der Lage war, diese Unterhaltung gerade jetzt zu führen, aber er holte tief Luft und nickte. "Bald, Rach. Hast du es dir anders überlegt in bezug auf das, was du willst?"

Sie schüttelte den Kopf. [Ich will dich... aber das ist noch nicht alles. Wärst du böse, wenn ich noch um jemanden anderes bitten würde?]

Als sie erklärte, war er ein wenig verwundert, Tränen in seinen Augen aufsteigen zu fühlen. Wenn es etwas gab, das sein Leben in diesem Augenblick noch perfekter machen würde, dann hatte er keinen blassen Schimmer, was das sein konnte. Mac zögerte und sah verunsichert aus, aber er schüttelte den Kopf. "Es ist okay, sogar mehr als okay. Rachel möchte dich etwas fragen. Na, los, Rach. Ich übersetze."

Rachel saß auf dem Bett und sah Mac gerade in die Augen. [Miss Mac, Harmon sagt, daß, wenn alle sagen, es ist okay, die Leute im Gericht und so, dann will er sich um mich kümmern und mein neuer Dad sein. Wenn die Leute im Gericht sagen, daß es okay ist, würdest du dich dann auch um mich kümmern?]

Ihre erste Antwort war ein kleiner Schluchzer, als die Größenordnung der Bitte klarwurde. Es war fast ein Jahr her, daß die willensstarke Marineinfanteristin sich erlaubt hatte, vollkommen zusammenzubrechen, und das hatte sie nur getan, weil sie der Möglichkeit ins Auge sah, die wichtigste Person in ihrem Leben zu verlieren. Jetzt, innerhalb weniger Tage, hatte ihr dieselbe Person die Zukunft angeboten, nach der sie sich so sehnte, und ein faszinierendes kleines Mädchen hatte gefragt, ob sie ein Teil davon sein durfte. "Liebling", antwortete sie unter Tränen, "nichts in der Welt würde ich lieber tun."

Harm ergriff ihre Hand, und die drei umarmten sich und besiegelten den Bund. Sie kamen von ganz unterschiedlichen Orten, aber alle hatten die schlimmsten Stürme erlebt und überlebt. Vielleicht war es diese Gemeinsamkeit gewesen, die ihnen erlaubt hatte, zusammenzukommen.


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"Sir, hier sind Commander Rabb und Colonel Mackenzie für Sie."

"Schicken Sie sie 'rein, Tiner." Admiral Chegwidden legte die Materialbestellung, die er gelesen hatte, zur Seite und bedeutete seinen Senior-Anwälten, Platz zu nehmen. "Setzen Sie Sich. Sie zwei hatten eine höllische Nacht, hat man mir berichtet. Commander, ich nehme an, es geht Ihnen gut?"

"Ja, Sir, wenn man davon absieht, daß ich mir mehr als ein wenig dumm vorkomme."

"Ich denke, das haben wir alle schon einmal durch. Aber man hat Sie davor gewarnt, für das Kind die Verantwortung zu übernehmen, wenn ich mich recht erinnere."

"Sir, was das angeht, bedauere ich rein gar nichts." Harms Blick war fest, und der Admiral zog eine Augenbraue hoch.

"Sehr wohl. Wo wir gerade davon sprechen - ich habe die kleine Miss Marks heute noch gar nicht im Büro gesehen. War's das jetzt mit unserem Kindergarten hier?"

"Ich habe sie heute morgen wieder zur Schule gebracht, Sir, da die Bedrohung überwunden ist." Für den Augenblick gab er keine weiteren Details preis, aber ihr Kommandeur sah den Blick, den er mit seiner Partnerin tauschte. "Sind Sie bereit für unseren Bericht, Admiral?"

"Auf jeden Fall."

Mac umriß die Ereignisse des vorigen Abends und gab einen detaillierten Bericht über Laskins Werdegang ab, soweit Webb und Mason die Fakten geliefert hatten. "Wir waren auf der falschen Fährte, Sir", beendete sie ehrlich ihre Aussage. "Webbs Team hat uns gegen Mason ermitteln lassen, weil die Agency und die Führungsriege des Generalstabs es für wichtiger hielten, ihren Maulwurf zu finden, als unseren Killer."

"Und das, obwohl sie einen verdammt guten Grund hatten anzunehmen, daß wir alle nach demselben Kerl gesucht haben." Admiral Chegwidden verschränkte die Arme. "Und Sie sind überhaupt nicht sauer auf Webb, dafür, daß er Sie so geleimt hat?"

"Ein bißchen, Sir, aber für die stand mehr auf dem Spiel als für uns. Das einzige Problem ist jetzt festzulegen, wofür wir Laskin vor Gericht stellen. Das Justizministerium will ihn vor einem Bundesgericht sehen, für ein halbes Dutzend Spionage-Anklagepunkte, aber der NCIS will ein Militärgerichtsverfahren wegen Mordes und versuchten Mordes."

"Er gehört zur Navy, und das bedeutet, er gehört uns. Punktum." Der Tonfall des JAG beendete die Diskussion effektiv. "Wir können mit den Spionagevorwürfen genauso gut umgehen wie das Ministerium. So sehr ich jemanden von Ihnen mit dem Fall beauftragen möchte - ich denke, ich gebe ihn besser Commander Turner. Was dagegen?"

"Nein, Sir", sagten beide Offiziere im Chor.

"Gut. Sie haben Sich bei diesem Fall gut geschlagen. Daß Laskin den ersten Schritt getan hat, schmälert die Leistung nicht. Wir haben ihn, und das ist alles, was zählt. Noch etwas?"

Harm ballte an seiner Seite eine Faust und kratzte seinen Mut zusammen, bevor er das nächste Thema ansprach. "Admiral, wenn Sie einen Moment Zeit haben, dann wäre da noch eine andere Angelegenheit, die ich gern mit Ihnen besprechen würde."

Der Admiral hielt inne, als er den vorsichtigen Unterton in seiner Stimme hörte. Harmon Rabb war selten vorsichtig, egal, worum es sich handelte. Bevor er antworten konnte, stand Mac von ihrem Stuhl auf. "Sir, wenn Sie mich einen Moment entschuldigen würden, ich erwarte einen Anruf..."

Chegwidden machte eine zustimmende Handbewegung, obwohl er ein abgekartetes Spiel vermutete, und sie verschwand aus der Tür. "Was haben Sie auf dem Herzen, Commander?" fragte er in neutralem Ton.

"Sir, ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll. Also denke ich, ich werde am besten einfach geradeheraus reden. Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht, und daß Rachel da war, hat mir geholfen, mir darüber klarzuwerden, was ich will - für sie und für mich." Er stand auf, straffte die Schultern und sprach Klartext. "Admiral, ich weiß, daß Sie nächsten Monat in die Auswahl des neuen speziellen Beraters für AIRLANT eingebunden sind. Ich möchte Sie bitten, mich für den Posten in Erwägung zu ziehen."

Der Admiral sah ihn einen Moment lang eindringlich an, nicht sicher, wie er reagieren sollte. "Wie kommt das?" fragte er schließlich und unterdrückte weder seine Überraschung, noch seine Enttäuschung. "Sind Sie mit Ihren Aufgaben hier unzufrieden?"

"Nein, Sir, natürlich nicht. In Wahrheit möchte ich JAG eigentlich gar nicht verlassen, aber ich habe das Gefühl, es wäre das Beste. Sir, ich... ich möchte Rachel adoptieren, und ich denke, es wäre schwer, ihre Bedürfnisse und meine Pflichten unter einen Hut zu bringen, wenn ich hier als ranghöchster Anwalt bleiben würde. Ich weiß, ich habe kein Recht, um irgendeine Sonderbehandlung zu bitten..."

"Time out, Commander. Geben Sie mir einen Moment, das zu begreifen." A.J. Chegwidden war kein Mann, dem es leicht die Sprache verschlug, aber er konnte wahrheitsgemäß behaupten, daß das hier das Letzte war, was er je erwartet hätte, von gerade diesem Mann zu hören. "Sie wollen was tun??"

Harm versuchte ein halbherziges Lächeln. "Ich weiß, das sieht nach einer 180-Grad-Wende meiner Einstellung aus, Sir. Glauben Sie mir, vor dieser Woche noch wäre ich haargenau so überrascht gewesen wie Sie. Aber ich fühle, es ist das Richtige."

A.J. seufzte und stützte sich nach vorn auf seinen Schreibtisch. "Harm, wenn ich Sie und das Mädchen nicht diese letzte Woche zusammen gesehen hätte, würde ich jetzt, verdammt noch mal, versuchen, Ihnen das auszureden. Das tue ich jetzt nicht, aber ich warne Sie: Sie haben ja keine Ahnung, über was für eine ungeheure Verantwortung wir hier reden. Selbst wenn Sie den AIRLANT-Posten bekämen, würden Sie immer noch zwischen dem Dienst und ihrer Vaterpflicht eine Gratwanderung machen. Sind Sie sicher, daß das hier etwas ist, was Sie allein auf Sich nehmen wollen?"

"Er wäre nicht allein, Sir."

Mac trat wieder ins Büro, und ihr Blick traf Harms. In schweigendem Einverständnis trat sie an seine Seite und brachte so ihre Botschaft klar und deutlich herüber, ohne ein Wort zu sagen.

A.J. kniff die Augen zusammen. "Sie wollen mich wohl verulken. Nach all den Jahren war es ein siebenjähriges Mädchen, daß Sie endlich aufgeweckt hat?"

Jetzt waren sie an der Reihe, überrascht zu sein. Das hier war nicht ganz die Reaktion, die sie erwartet hatten. Mac blinzelte ein paarmal und antwortete schließlich: "Nun, es war ein wenig komplizierter als das, Sir..." Sie brach ab, unsicher, wie sie es erklären sollte, aber er bedeutete ihr zu schweigen.

"Nicht so wichtig. Ich sehe langsam durch." Er sah Harm mit einem bohrenden Blick an. Harm versuchte, nicht schuldbewußt auszusehen. "Sie wollen die Versetzung gar nicht wegen Rachel. Sie wollen sie wegen dieser Sache hier."

"Eigentlich ist es die Kombination von beidem, Admiral", antwortete Harm. "Wenn wir weiter zusammenarbeiten und privat eine Beziehung haben, wird alles nur noch schwerer - für uns und für alle Beteiligten. Wenn wir uns im Gerichtssaal gegenüberstehen würden, würde keiner von uns den anderen mehr ernstnehmen. Wenn wir an unterschiedlichen Fällen arbeiten, dann würde der gegnerische Anwalt sich immer unwohl fühlen, mit uns über unsere Fälle zu reden. Und Sie wären die Hälfte der Zeit damit beschäftigt, gegenüber dem Marineminister den Anschein von ungebührlichem Verhalten wegzudiskutieren."

Der Admiral nickte, in Gedanken versunken. "Da haben Sie recht. Und glauben Sie nicht, ich hätte nicht schon ähnliche Überlegungen darüber angestellt, was zum Teufel ich mit Ihnen anfangen sollte, wenn es dazu kommen würde. Ich nehme an, Sie beide meinen es mit dieser Beziehung vollkommen ernst? Denn wenn ein kleines Kind davon betroffen ist, sollte das besser der Fall sein. Der Sozialdienst könnte nämlich eine ordentliche Hürde werden, wenn Sie den Antrag als Alleinerziehender stellen."

Mac zögerte, als sie verstand, was er meinte, und setzte an: "Sir, wir haben noch nicht konkret über Langzeitplanungen gesprochen, aber..."

"Aber das haben wir vor", fiel ihr Harm nahtlos ins Wort und überraschte sie damit vollkommen. Sie starrte ihn einen Moment lang an und fragte sich, was genau das wohl heißen sollte, aber er sprach bereits weiter. "Und ich habe eine Universitätsfreundin, die eine sehr erfolgreiche Jugendrechtlerin im Raum Detroit ist. Sie wird uns mit dem Verfahren helfen."

A.J. nickte erneut, als er über die Chancen nachdachte. "Dann sind wir jetzt also wieder beim Thema Versetzung, stimmt's?" Er seufzte. "Harm, Sie wären selbstverständlich ein herausragender Kandidat für den AIRLANT-Posten. Sie haben Erfahrung als Ermittler, und Sie wissen mehr über Fluggeräte als alle anderen Anwälte auf dem Planeten. Ich habe keinen Zweifel, daß, wenn ich Ihren Hut in den Ring werfe, Admiral Werner ihn aufheben wird, ohne lange darüber nachzudenken. Aber ich habe keine Ahnung, was für Sie persönlich das Beste wäre, und Tatsache ist, daß Sie für mich zu wertvoll sind. Ich bin nicht sicher, ob ich mir erlauben kann, Sie gehen zu lassen."

Harm öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber sein Kommandeur sprach schon weiter. "Die Sache ist die: Sie haben recht. Wenn Sie beide weiterhin regulär zusammenarbeiten, würde das mehr Probleme schaffen als lösen. Also, hier ist mein Vorschlag: Sie werden offiziell zu AIRLANT versetzt, aber mit zusätzlichem Dienst bei JAG, wenn Sie abkömmlich sind. Flugunfälle kommen eher unregelmäßig vor, also kann Rick Werner Sie an mich ausleihen, wenn er nicht genug für Sie zu tun hat. Ich bin sicher, daß immer ein paar Fälle herumliegen werden, die Sie übernehmen könnten, ohne die Ordnung in dieser Behörde zu untergraben."

Mac mußte sehr mit sich kämpfen, um ihr Strahlen zu unterdrücken. Auf diese Weise würde einfach alles passen. "Danke, Sir", sagte Harm leise, einen Ausdruck großer Erleichterung auf dem Gesicht. "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, Ihnen zu erklären, wieviel mir das bedeutet."

"Ich verstehe schon." A.J. streckte seinen Arm über den Schreibtisch, um ihm die Hand zu schütteln, und erlaubte sich ein amüsiertes Lächeln. "Aber nur fürs Protokoll: Sie hätten mich weniger geschockt, wenn Sie zuerst mit der Nachricht gekommen wären, daß Sie und Ihre Partnerin Sich zusammengetan haben, nicht mit der Nachricht über Rachel. Jetzt gehen Sie schon und arbeiten Sie noch etwas ab, solange ich Sie noch habe. Und viel Glück."

"Aye, Sir." Beide nahmen Haltung an, gingen zur Tür und traten hinaus ins Großraumbüro. Mac folgte Harm in sein Büro und schloß die Tür, gerade rechtzeitig, bevor er sich umdrehte und einen Kuß direkt auf ihre Lippen plazierte. "Das war nicht annähernd so schlimm wie ich befürchtet hatte", sagte er so ruhig, als hätten sie gerade nicht mehr getan als einen Bericht vorgelegt. "Bist du ausgehfertig?"

"Ausgehfertig?" wiederholte sie abwesend. Er sah sie an und runzelte die Stirn.

"Ja, Mittagessen, erinnerst du dich? Ich hatte dir einen Burger versprochen..."

"Oh. Richtig." Sie spielte mit ihrem Marine-Corps-Ring an ihrem Finger. Plötzlich fühlte sie sich unwohl. "Kann ich dich zuerst etwas fragen?"

"Sicher."

"Da drinnen... als ich gesagt habe, wir hätten keine Langzeitpläne, da hast du gesagt..."

Er lächelte wehmütig. "Ich hatte befürchtet, daß du davon anfangen würdest." Als er ihren verletzten Blick sah, beeilte er sich zu erklären: "Das war ein Scherz. Entschuldige. Ich will das auf jeden Fall ausdiskutieren - ich bin nur etwas nervös. Wann immer du darüber reden willst, werden wir es tun."

Ihr Selbstvertrauen kam zurück, und sie verschränkte die Arme. "Wie wär's mit jetzt gleich?"

"In diesem Moment?"

"Das sollte nicht allzu schwer sein, Harm. Wir haben schon beschlossen, daß wir eine Familie sein wollen. Es scheint, daß das gefürchtete ‚H'-Wort das einzige ist, worüber wir noch reden müssen." Als ihr bewußt wurde, wie schwerwiegend dieses Thema war, trat sie ein wenig den Rückzug an. "Aber das heißt nicht, daß wir uns unbedingt einen Zeitrahmen dafür setzen müssen. Ich meine, ich will dich nicht vor den Altar zerren oder so. Ich denke, wir müssen das auch gar nicht unbedingt machen, wenn du nicht willst..."

Sie war so darauf fixiert gegenzusteuern, daß sie ein paar Sekunden brauchte, um sein verlegenes Lächeln zu bemerken. "Wie? Ist das etwa komisch?"

Er schüttelte den Kopf, griff in seine Innentasche und holte ein kleines Kästchen heraus. "Was hier komisch ist, ist die Tatsache, daß ich das hier schon seit Wochen mit mir herumtrage. Es ist wirklich gut, daß du so ein gutes Timing hast. Meins ist nämlich schlicht lausig."

Er hielt ihr das Kästchen hin, sie öffnete es und erblickte einen einfachen, eleganten Diamantring. Sprachlos starrte sie ihn an, während ihr Tränen in die Augen stiegen.

"Das ist der, den mein Dad meiner Mom geschenkt hat. Du hättest sie hören sollen, als ich sie gebeten habe, ihn mir zu schicken - ich dachte schon, sie springt ins nächste Flugzeug, einfach, um sicherzugehen, daß ich ihn dir auch wirklich gebe." Er stellte sich vor sie hin, wischte ihr sanft eine Träne von der Wange und senkte seine Stimme. "Wann und wo, das überlasse ich ganz dir. Alles, was ich will, ist, mit dir zusammenzusein."

Es war schwerlich eine Shakespeare-Szene, aber der Moment hatte etwas einzigartig Perfektes, einfach, weil er so... wie er war. Nach allem, was sie durchgemacht hatten, zusammen und getrennt, erschien die Schlichtheit der ganzen Sache wie der erste Schritt, den man in den ersten Frühlingstag hinaus tat. Vorsichtig setzte sie ihren Marine-Corps-Ring auf die andere Hand und schob den neuen Ring auf ihren Finger, nicht überrascht darüber, wie gut er saß. "Du weißt wirklich, wie man ein Mädchen umwirft, Seemann", sagte sie leise, griff nach seiner Kravatte und zog ihn herunter in Richtung ihrer Lippen. Schon wahr, er hatte ihr zum Mittagessen einen Hamburger versprochen, und aus seinem Mund war das nichts Geringes. Aber verglichen mit dem Versprechen, das er ihr soeben gegeben hatte... der Burger konnte definitiv warten.


************************************


Drei Wochen später
Verwaltungsgebäude
Cook County, Illinois

 

Harm hielt auf der obersten Stufe inne und blickte sich nach den beiden Frauen in seinem Leben um. "Alle Mann bereit für das hier?"

"So bereit, wie man nur sein kann", antwortete Mac und zwang sich zu lächeln. Rachel nickte nur und ergriff die Hände beider, so wie sie es zuvor schon oft getan hatte. Gemeinsam trat das Trio durch die Doppeltür.

In dem langgezogenen Marmorflur näherte sich ihnen sofort eine junge Frau in einem eleganten grauen Anzug. "Harm, du bist pünktlich", begrüßte ihn Andie Nichols leichthin und bekam einen scherzhaft wütenden Blick zur Antwort. "Ich hoffe, euer Flug war besser als meiner?"

"So gut, wie man es eben von einem Unterschall-Flug erwarten kann."

"Sachte, Flieger-As", ermahnte ihn Mac und verdrehte die Augen. "Es ist schön, Sie wiederzusehen, Andie. Ignorieren Sie ihn einfach."

"Keine Sorge. Das kann ich gut." Sie warf ihrem langjährigen Freund einen lachenden Blick zu, der ihn daran erinnerte, wie gefährlich es sein konnte, sie und Mac im selben Raum zu haben. Oder sogar nur im selben Staat. "Und das hier muß Rachel sein. Wow, hat dir jemals jemand gesagt, daß du wirklich hübsches Haar hast?"

Rachel schaffte es, gleichzeitig scheu und stolz auszusehen. "Rach, das ist Andie", stellte Harm sie vor. "Sie wird uns heute helfen."

Das Mädchen gestikulierte ein höfliches ‚Hallo', und Harm lächelte. "Das ist ein Schnipsel aus der Vergangenheit. Sie hat dich ‚Miss Andie' genannt." [A.d.Ü.: Das bezieht sich auf eine Figur in Learning How to Fall, die Andie so anredet.]

"Das ist es in der Tat. Ich glaube kaum, daß ich das seit Corporal Hawkins je wieder gehört habe." Andie lächelte wehmütig, wurde aber schnell wieder ernst. "Mit Garrett Sanders haben wir einen guten und fairen Richter. Er hat allerdings den Ruf, sehr direkt zu sein. Ich hoffe also, daß ihr bereit seid, alles und jedes zu besprechen, was ich in meiner letzten Email erwähnt habe. Soweit ich weiß, dürften die Umstände eurer Artikel-32-Anhörungen keine Rolle spielen, aber, Mac, Ihr Admiral's Mast steht in Ihrer Dienstakte, also könnte es zur Sprache kommen. Alles in allem erwarte ich aber nicht, daß eurem Antrag allzu große Hindernisse im Wege stehen. Ihr seid beide hochdekorierte Offiziere und mitfühlende Menschen, und ihr liebt sie. Das sollte wirklich ausreichen."

Harm tauschte einen hoffnungsvollen Blick mit Mac. "In Ordnung", sagte er ruhig. "Laßt es uns angehen."

Andie war so gut wie ihr Wort. Von dem Moment an, als sie am Tisch Platz nahmen, nahm sie die Fäden in die Hand. "Euer Ehren, mein Name ist Andrea Nichols. Ich vertrete Mr. Rabb und Ms. Mackenzie in dieser Anhörung, da das hier mein Spezialgebiet ist. Aber beide sind Anwälte im JAG-Corps der Navy, also müssen Sie Sich nicht bemühen, besonders verständlich zu argumentieren."

"Nun, das ist schön zu hören", antwortete der Richter trocken. "Lassen Sie mich sicherstellen, daß ich die Fakten richtig verstanden habe, bevor wir loslegen. Mr. Rabb, sie haben vorübergehend die Vormundschaft für Rachel übernommen, während sie mit der Ermittlung befaßt waren?"

"Ja, Sir. Da ich schon Erfahrung mit der Gebärdensprache hatte und sie sich bei mir wohlfühlte, habe ich darum gebeten, daß man ihr erlauben sollte, bei mir zu bleiben." Macs Gesicht blieb scheinbar ausdruckslos, aber innerlich amüsierte sie diese etwas vereinfachte Erklärung.

"Aber Sie haben keine früheren Erfahrungen mit Kindern?"

"Nicht mehr als alle anderen Eltern beim ersten Kind, Euer Ehren", konterte Andie geschickt. "Mr. Rabb und Ms. Mackenzie haben aber ein Patenkind - A.J. Roberts. Er wird im Mai drei Jahre alt. Außerdem steht Ms. Mackenzie in enger Verbindung mit Chloe Madison, einem Mädchen, dessen Mentorin sie im Big-Sister-Programm war. Chloe ist mittlerweile aus dem Raum Washington weggezogen, aber sie hatten über drei Jahre lang ein enges Verhältnis."

"Sie beide wollen bald heiraten?"

"Ja, Euer Ehren", antwortete Mac für beide, während sie die Hand ausstreckte und sie auf Harms legte. Obwohl die Geste unter dem Tisch stattfand, wo der Richter sie nicht sehen konnte, so bemerkte er doch den Blick, den beide tauschten. "Am Ende des Sommers."

"Und Sie sind beide Navy-Anwälte. Den Informationen zufolge, die ich von der JAG-Homepage habe, treten Sie als Ankläger oder Verteidiger in Militärprozessen auf und führen Ermittlungen durch. Über welche Art von Ermittlungen sprechen wir hier? Verbrechen vielleicht? Unfälle an Bord?"

"Ein wenig von beidem, Sir."

"Und Ihre Pflichten bringen es mit sich, daß Sie viel umherreisen?" Mac zögerte, aber Richter Sanders zog eine Augenbraue hoch. "Ich habe eine Dokumentation einiger Ihrer Fälle aus dem vergangenen Jahr. Italien, Saudi Arabien, China, Afghanistan... Sie sind in ein Kriegsgebiet geraten."

"Um ehrlich zu sein, Euer Ehren, wir waren nur an Bord eines Flugzeugträgers in der Region, niemals an Land", stellte sie klar, aber Harm ergriff das Wort.

"Sir, wir sind uns darüber im klaren, daß es nicht unbedingt das Beste für ein Kind ist, wenn man kurzfristig aus der Stadt fort muß. In ein paar Wochen werde ich auf einen neuen Posten versetzt und dort dem Kommandeur der Marinefluggeschwader der Atlantik-Flotte unterstehen. Ich werde für das Pentagon arbeiten, und ich werde mich hauptsächlich um Angelegenheiten kümmern, die Flugzeuge und Flugpersonal betreffen. Das sollte mich mehr in der Stadt halten. Außerdem hat unser Kommandeur viel Verständnis für unsere Situation gezeigt, und er plant, das alles im Geiste zu behalten, wenn er Colonel Mackenzie mit Fällen beauftragt."

Richter Sanders nickte und faltete seine Hände vor sich auf dem Tisch. "Ich komme direkt auf den Punkt. Ausgehend von Ihren Dienstakten, bin ich überzeugt, daß Sie in der Lage sind, Sich gut um Rachel zu kümmern. Mein Hauptbedenken liegt jedoch darin, daß Sie als Militärangehörige nicht immer die Kontrolle über Ihre ‚Situation' haben. Sie könnten beide morgen in den Nahen Osten beordert werden, und Sie könnten nichts dagegen tun. Wo bliebe Rachel in diesem Fall?"

"Sir, die Wahrscheinlichkeit, daß das passiert, ist..."

"Das spielt keine Rolle. Es ist eine reale Möglichkeit. Mr. Rabb, Sie sind ein ausgebildeter Pilot, und Sie haben immer noch Ihre Fluglizenz. Es ist gerade erst ein Jahr her, daß Sie bei einem Unfall auf See fast ums Leben gekommen wären. Die leiblichen Eltern dieses Kindes waren beide Marineoffiziere, und das ist der Hauptgrund, weshalb sie jetzt beide nicht mehr da sind. Ich will keinesfalls undankbar erscheinen für das, was Sie für das Land tun, aber ich mache mir Sorgen, daß Rachel einen weiteren Verlust erleiden könnte, der genauso groß ist wie der, den sie gerade erst durchmachen mußte. Es könnte sie zerbrechen."

Harm und Mac sahen sich einen Moment lang mit einem verlorenen Ausdruck an. Keiner von beiden hatte sich zuvor über diese besondere Furcht Gedanken gemacht, obwohl beiden die Idee schon einmal gekommen war. Und keiner von ihnen wußte, was er sagen konnte, um das Argument zu entkräften.

Glücklicherweise hatten sie noch jemanden, der ihnen den Rücken stärkte. Andie lehnte sich mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck nach vorn. "Es tut mir leid, Euer Ehren, ich glaube, ich komme da nicht mit. Sagen Sie, daß Ihr Einwand gegen diesen Antrag auf der Möglichkeit beruht, daß einer oder beide der Antragsteller in Erfüllung ihrer Pflicht getötet werden könnten?"

"Ehrlich gesagt, ja."

"Diese Möglichkeit wäre Ihnen nicht in den Sinn gekommen, wenn diese beiden hier Zivilisten wären? Die Welt ist unvorhersehbar, Euer Ehren. Die Taxifahrer hierzulande können ziemlich rücksichtslos sein. Würden Sie eine Adoption ablehnen, wenn Sie befürchten müßten, daß die betreffenden Parteien auf dem Rückweg vom Gericht vom Taxi überfahren werden könnten?"

"Ms. Nichols, ich denke, Sie wissen genauso gut wie ich, daß das Risiko für Militärangehörige deutlich größer ist. Und ich kann das Konzept von Fern-Erziehung nicht leiden, selbst dann, wenn die Eltern gerade dabei sind, das Land zu verteidigen. Besonders, wenn es um ein Kind mit speziellen Bedürfnissen geht. Ich müßte befürchten, daß das ihre Entwicklung behindert."

"Bei allem Respekt, Sir, da bin ich anderer Meinung. Commander Rabb und Colonel Mackenzie haben Dinge gesehen und getan, die Sie und ich uns nicht einmal ansatzweise vorstellen können, und sie sind immer noch da. Sie hatten Training und Erfahrungen, die weit über alles hinausgehen, was jeder Mannschaftsdienstgrad bekommen würde, und diese Dinge helfen ihnen in allen Lebenslagen. Sir, es ist in unserer Gesellschaft ein anerkannter Grundsatz, daß das allererste und beste Vorbild für ein Kind die Eltern sein sollten. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Fälle ich übernommen habe, in denen ein Kind von den Erwachsenen in seinem Leben vollkommen im Stich gelassen wurde. Wir schreien uns immer die Lunge aus dem Leib, Eltern sollen ihre Kinder lehren, Rechtes von Unrechtem zu unterscheiden, und sie sollen daran mitwirken, die Perspektive ihrer Kinder zu schärfen. Nun, hier haben Sie das, was Ihnen zusammengerechnet 31 Jahre bei den Streitkräften einbringen: Integrität, Disziplin, den Willen, besonders gute Leistungen zu bringen, und ein fundamentaler Glaube daran, das Richtige zu tun. Sie haben die Empfehlungsschreiben gesehen. Diese beiden Menschen sind allererste Wahl. Wenn sie auch nur einen Bruchteil ihrer eigenen Prinzipien an Rachel weitergeben könnten... ich könnte mir auf der ganzen Welt kein besseres Vorbild vorstellen."

Andies Blick war fest, fast herausfordernd. Harm sah sie wiedereinmal genau an und erkannte die Intensität, die er vor so vielen Jahren an ihr bewundert hatte. Mac blinzelte verstohlen eine Träne weg und schaute zu Rachel hinüber, die am anderen Ende des Tisches ein Buch las. Das Mädchen sah nicht auf, aber die Spannung in den schmalen Schultern der Kleinen verriet, daß sie wußte, daß direkt unter ihren Augen über ihr Leben entschieden wurde. Richter Sanders hielt einen Moment inne und folgte Macs Blick.

"In Ordnung. Ich würde gern ein paar Minuten mit Rachel allein sprechen. Sie ist noch nicht alt genug, um offizielle Entscheidungen selbst zu treffen, also sagen Sie ihr, daß sie sich keine Sorgen machen muß. Ich werde meine Fragen aufschreiben, und sie kann das mit den Antworten tun. Sie kann doch schreiben, oder?"

"Ja, Sir, sehr gut." Harm gestikulierte Rachel die Anweisungen, und sie nickte ein wenig furchtsam. Sie verließen den Raum, und er begann sofort, im Flur vor der geschlossenen Tür auf- und abzugehen.

Andie schüttelte den Kopf. "Ein paar Dinge ändern sich wirklich nie. Sieben Schritte vorwärts, rechts um, sieben Schritte zurück." Harm sah verwirrt zu ihr auf, aber sie erklärte ihr Statement. "Kannst du dich noch erinnern, wie wir darauf gewartet haben, daß die Berufungskommission von Virginia ihr Urteil fällen würde? Diese makellosen Uniformschuhe, die du anhattest, haben auf dem Boden geklappert, und ich wäre bald die Wand hochgegangen."

"Sorry", antwortete er, noch immer abwesend. "Diese Schuhe hier haben wenigstens Gummisohlen."

"Mach' dir nicht so viele Sorgen. Es wird ihr schon gutgehen, und irgendwann wird er sich eingestehen, wie es wirklich aussieht. Selbst wenn er Vorurteile gegen ein Leben im Militär hat, muß er einsehen, daß es besser ist, als sie in Pflege zu geben, bis sie ein anderes Paar finden, daß willig und in der Lage ist, ein taubes Kind anzunehmen."

"Dann bist du also optimistisch?"

"Ich bin zuversichtlich. Zuversichtlich ist noch besser."

Mac mischte sich ein. "Andie... danke. Für alles, im Ernst. Aber vor allem für das, was Sie dort drinnen gesagt haben."

"Es war die Wahrheit, Mac. Ich weiß, Sie halten Sich nicht für etwas Besonderes, aber das sind Sie. In diesem Beruf habe ich schon viele verschiedene Arten von Eltern erlebt, und Sie können mir vertrauen, wenn ich sage, daß Rachel sehr, sehr großes Glück hat, wenn schon einer von Ihnen beiden um sie kämpft." Andies ernsthafter Ton verschwand, als sie sich mit einem verschmitzten Blick zu Harm umwandte. "Nur aus Neugier... weiß deine Mutter schon über all das hier bescheid?"

"Sie weiß es. Sie hätte beinahe einen Herzinfarkt gekriegt, als ich ihr das auseinandergesetzt habe, aber sie weiß es. Sie und Frank kommen uns nächsten Monat besuchen, und man hat mir in deutlichen Worten eingeschärft, daß Rachel besser nicht das einzige Enkelkind bleiben sollte."

Ein paar rastlose Minuten lang warteten sie ab, und als Rachel aus dem Raum kam, informierte der Richter Andie, daß er in einer Stunde das Urteil sprechen würde. Die vier beschlossen, ihre gequälten Nerven in den Coffee Shop im ersten Stock einzuladen.

"Wie sieht die Geste für ‚Cookie' aus?" fragte Mac, als sie versuchte, Rachel beim Bestellen zu helfen. Sie hatte die vergangenen Wochen hindurch einige grundsätzliche Gesten gelernt, aber es war ein langwieriger Prozeß. Harm und Andie antworteten gleichzeitig und überraschten damit beide Offiziere.

"Wo hast du die Gebärdensprache gelernt?" fragte Harm seine Freundin, die nur die Schultern zuckte.

"Ich habe etliche Kurse für Kinder mit speziellen Bedürfnissen gemacht. Eine Menge geistig behinderter Kinder können einfache Gesten lernen, bevor sie sprechen, also werden die Gesten manchmal sogar von solchen Kindern benutzt, die auch hören können. Ich denke, ich habe nebenbei ein paar Dinge aufgeschnappt."

Sie schafften es, sich ein wenig abzulenken, indem sie mit Rachel "Ich sehe 'was, was du nicht siehst" spielten und sich an Milchkaffee und Keksen festhielten. Irgendwann sagte Macs innere Uhr ihr, daß 55 Minuten vergangen waren, und sie stiegen nicht wenig beklommen die Treppenstufen hinauf. Sie hatten sich so bemüht, nicht zu hoffen, aber wenn das hier nicht klappen würde...

Richter Sanders stand im Türrahmen seines Büros, als sie auf ihn zukamen. Er bedeutete Andie, zu ihm zu kommen, und die beiden unterhielten sich einen Moment. Als sie sich wieder zu ihren Freunden umdrehte, war ihr Gesichtsausdruck nicht zu entschlüsseln.

Harm griff nach Macs Hand und bemerkte halb, daß er den Atem anhielt. Gut oder schlecht - beide wußten, daß der nächste Augenblick ihr Leben definieren würde. "Und?"

Andie lächelte und gestikulierte einen Satz, den sie alle drei verstehen konnten.

[Herzlichen Glückwunsch, Mom und Dad.]


***************************************


(Epilog)


Alles über meine Familie
Von Rachel Rabb
5. Klasse

Ich heiße Rachel Anne Marks Rabb. Ich bin die Einzige, die ich kenne, die zwei Nachnamen hat. Meine neuen Eltern haben mir gesagt, ich kann mir aussuchen, welchen Nachnamen ich haben will, und ich habe mir beide ausgesucht, also ist Marks jetzt mein dritter Name. Meistens bin ich aber nur Rachel Rabb. Mein Dad nennt mich manchmal ‚R-Zwo', wie in ‚Krieg der Sterne', aber meine Mom zieht ihn immer auf, wenn er das tut.

Meine richtige Mom und mein richtiger Dad waren in der Navy, aber mein Dad ist gestorben, als ich klein war, und dann ist später meine Mom gestorben. Danach kam ich zu meiner neuen Mom und meinem neuen Dad. Sie sind auch in der Navy. Mom ist ein Marine, das ist irgendwie anders. Ich weiß nicht genau, wieso, aber sie machen immer Scherze damit. Manchmal nimmt mich Dad in seinem Flugzeug mit, das ist das Coolste überhaupt. Er trainiert auch meine Fußball-Mannschaft [A.d.Ü.: AeroGirl schreibt "Soccer", meint also den "echten" Fußball, nicht American Football], und Mom feuert uns bei allen Spielen immer kräftig an. Es ist komisch, wenn man zwei verschiedene Moms und Dads hat, aber meine neuen Eltern sagen, sie haben mich genauso lieb wie meine echten Eltern, und sie sagen, es ist okay, wenn ich sie auch genauso liebhabe.

Sie haben mir das Leben gerettet, wissen Sie. Ernsthaft, das haben sie wirklich. Der böse Mensch, der meine echte Mom getötet hat, wollte mich auch töten, aber Mom und Dad haben mich beschützt. Ich dachte, sie würden mich wohl wegschicken, aber Mom hat dann Gebärdensprache gelernt, und Dad hat einen neuen Job gekriegt, und dann konnten sie mich behalten. Und dann durfte ich bei ihrer Hochzeit dabeisein! Ich habe ein wunderschönes blaues Kleid angehabt und die Perlenkette von Grandma Trish. Eine Grandma und einen Grandpa zu haben, ist echt klasse, obwohl ich sie nicht sehr oft sehe. Und ich habe eine Tante, die Chloe heißt, und einen Onkel, der Sergei heißt. Sergei hat früher in Rußland gelebt, und manchmal ist es schwer, mit ihm zu reden. Aber manchmal, wenn ihm ein Wort nicht auf Englisch einfällt, dann erinnert er sich zuerst an das Handzeichen. Dad sagt, wir haben mehr Sprachen als die Vereinten Nationen. Wie auch immer, alle waren auf der Hochzeit, und wir waren alle ganz fein angezogen und sind ganz lange aufgeblieben. Dad hat fast genauso viel mit mir getanzt wie mit Mom, und ich habe mit Grandpa Frank getanzt und mit Onkel Sergei und mit Admiral Chegwidden und mit Commander Turner. Und vielleicht mit ein paar anderen Leuten, aber an die kann ich mich nicht mehr so erinnern.

Gestern haben Mom und Dad mir gesagt, daß ich ein Brüderchen oder ein Schwesterchen kriege. Irgendwie hatten sie Angst, mir das zu sagen - ich glaube, das war, weil es ihr richtiges Baby ist, nicht adoptiert wie ich. Aber ich verstehe nicht, wieso sie Angst hatten. Ich will wirklich einen Bruder oder eine Schwester haben. Na ja, vielleicht keinen Bruder, denn der könnte ja so eklig sein wie die Jungs in meiner Klasse. Aber ich denke, das wäre schon okay. Ich kriege bald Hörhilfen, und vielleicht kann ich das Baby ja ein bißchen hören, wenn ich eine große Schwester werde. Mom sagt, es ist eigentlich ganz gut, daß ich nicht alles höre, denn Babies weinen oft. Wahrscheinlich hat sie recht.

Manchmal erinnere ich mich an meine richtige Mom, und dann vermisse ich sie. Aber Grandma Trish hat gesagt, daß ich extra viel Glück habe, weil ich doppelt so viele Leute habe, die mich liebhaben. Ich habe meine richtige Mom und meinen richtigen Dad oben im Himmel, und ich habe meine neue Mom und meinen neuen Dad hier unten. Ich habe Dad erzählt, was sie gesagt hat, und er hat gesagt, daß er auch genauso viel Glück hat, denn er hat oben im Himmel seinen richtigen Dad und hier unten Grandpa Frank. Er sagt, daß zweite Chancen manchmal fast so gut wie erste sind. Ich weiß nicht genau, was er damit meint, aber ich denke schon, ich habe ziemlich Glück gehabt.

*** ENDE ***

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